Forschung & Lehre 12/2022

Fußball-WM in Katar Wenn viel Geld mitspielt | ab Seite 946 12 | 22 Migration Flüchtlingskrise 2.0? | ab Seite 954 Großer Akademischer Stellenmarkt | ab Seite 978 www. forschung-und-lehre .de Forschung &Lehre alles was di e wi ssenschaft bewegt 29. Jahrgang | 7,–$ | ab Seite 928 ZIE LE Datenschutz Über Grundrechtsschutz und mehr digitale Souveränität | ab Seite 950

12|22 Forschung & Lehre S TA N D P U N K T 921 Meinen Twitter-Account habe ich mir einmal für Konferenzen eingerichtet. Mit dem jeweiligen Hashtag lassen sich gerade bei großen Konferenzen Inhalte, Kontroversen und Hinweise zu parallellaufenden Veranstaltungen verfolgen. Praktisch! Zudem teile ich dort meine akademischen Aktivitäten, allerdings ist das so einseitig nicht gedacht und wird vom Algorithmus auch bestraft. Die Akkumulation von Aufmerksamkeit und Netzwerken ist stellen-, mithin existenzentscheidend. Allerdings, immer wenn ich die App öffne, habe ich kleine Unzulänglichkeitsgefühle, die motivieren und deprimieren zugleich, ganz typisch für den subjektiven Antrieb im akademischen Kapitalismus. Twitter, ein Werkzeug zur subjektiven Bearbeitung von #ichbinhanna-Problematiken, erweist sich als ein Schmiermittel der akademischen Konkurrenz: Man sieht, was die Kolleginnen und Kollegen Tolles forschen, veröffentlichen, beeinflussen – permanent. Eine Kollegin findet auf Twitter sogar Verlagskontakte, Interviewpartnerinnen und -partner, entscheidende Hinweise und einen Raum privater Beziehungen. Auch praktisch, dass sich dort alle tummeln – Journalistinnen und Journalisten, Politikerinnen und Politiker, Aktivistinnen und Aktivisten und eben wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Das deutschsprachige Twitter fördert den Austausch in und zwischen den politischkulturellen Eliten. Insofern ist Einflussnahme nicht nur motivierende Fantasie im unsere Kommunikationen ausbeutenden Kapitalismus, sondern zahlt sich – für einige! – auch aus. Das, was dort als (teils fragmentierte) öffentliche Meinung trendet, ist allerdings ähnlich schichtspezifisch wie die massenmedial hergestellte Öffentlichkeit. Neben den technischen Möglichkeiten der Vernetzung und Partizipation, den vielen konkreten Gebrauchspraktiken und Motivationslagen, ist die Politische Ökonomie sozialer Medien entscheidend; dies nicht nur, weil kürzlich ein Konsortium um den Tesla-Gründer Elon Musk Twitter gekauft und angekündigt hat, es endlich profitabel zu machen. Die Trias aus privater Kontrolle, Profitorientierung und Überwachung vermittels algorithmischer Steuerung und Regelsetzung hat Einfluss darauf, wie der (Wissenschafts-)Diskurs geführt werden kann: So wird Aufmerksamkeit weiterhin ungleich verteilt, und sie wird möglicherweise noch ungleicher, weil sie etwa durch gesponserte Beiträge direkt gekauft werden kann. Informationen explodieren und veralten schnell. Die Kommunikation beschleunigt sich – mehr Klicks bedeuten mehr und besser verwertbare Daten – und wird dadurch tendenziell oberflächlicher. Ein Retweet ist noch keine Rezeption und ein Like noch keine Auseinandersetzung. Kommerzielle Algorithmen funktionieren eher so, dass sie vernetzte Privatmeinungen so lassen, wie sie sind. Das ist das Gegenteil von Lernen und Meinungsbildung. Ziehen wir also heute um, zu Mastodon? Dies könnte ein Schritt hin zum öffentlich-rechtlichen Internet und wirklich sozialen Medien sein. Sebastian Sevignani ist Post-Doc am Institut für Soziologie an der Universität Jena und leitet dort einTeilprojekt zu geistigem Eigentum im digitalen Kapitalismus. Über die Politische Ökonomie sozialer Medien

922 I N H A L T Forschung & Lehre 12|22 Inhalt S TA N D P U N K T Sebastian Sevignani 921 Über die politische Ökonomie sozialer Medien NAC H R I C H T E N 924 2023 doch mehr Geld für den DAAD und die Humboldt-Stiftung Z I E L E Veronika Brandstätter-Morawietz 928 Dreh- und Angelpunkt Zur Bedeutung von Zielen für den Menschen Stefan Kühl 932 Erfolgreich ohne klare Ziele Das Problem einer allzu exakten Ausrichtung an Hochschulen Birgitta Wolff 934 Komplexes Gefüge Die Hochschule als Koalition von Individuen und Anspruchsgruppen 936 „Manchmal hat das Leben einfach andere Pläne...“ Stimmen aus der Wissenschaft zu Zielen im Leben Sonja Loges 938 Warum ist es so schwer, Krebs zu heilen? Über Forschungsziele und ihre Erreichbarkeit P L AG I AT E Klaus Ferdinand Gärditz 942 Was passiert mit Habilitation und Beamtenverhältnis? Folgen einer Doktorgradentziehung bei Hochschullehrenden F U S S B A L L -WE LT M E I S T E R S C HA F T Christoph Biermann 946 Goldener Zirkel ständigenWachstums Über Geld und Politik bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar Jakob Krais 948 Wenn viel Geld mitspielt Katar als Gastgeberland der Fußball-Weltmeisterschaft FußballWeltmeisterschaft Noch nie war der Austragungsort für eine Fußball-Weltmeisterschaft so umstritten wie in diesem Jahr Katar. Wie ist dies aus kulturwissenschaftlicher und auch sportlicher Sicht einzuordnen? Fußball-Weltmeisterschaft. . . . . . . 946 Menschen und Organisationen setzen sich beständig Ziele. Meist sollen sie der Optimierung und Weiterentwicklung dienen. Ziele können motivieren, die Produktivität steigern. Ziele sind notwendig, auch in der Forschung. Sie erzeugen zugleich Druck und führen bei manchen zu oft stillem Boykott. Werden Ziele zu konkret formuliert, hemmen sie Kreativität und Innovation, den Spielraum für Veränderungen. Analysen aus verschiedenen Perspektiven. Schwerpunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . 928 Ziele Foto: mauritius-images Foto: picture alliance/dpa

12|22 Forschung & Lehre I N H A L T 923 Migration Datenschutz Karrierepraxis Mit weltweit 89 Millionen Geflüchteten und Vertriebenen wird in diesem Jahr ein neuer Höchststand erreicht. Vor welchen Herausforderungen steht Deutschland mit der Aufnahme von Flüchtlingen aus der Ukraine und aus Russland? Flüchtlingskrise . . . . . . . . . . . . . . . . 954 Datenschutz hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen und ist essenziell für Bürgerinnen und Bürger wie für Institutionen. Doch muss er in praktische Konkordanz mit einer Vielzahl anderer Interessen gebracht werden. Positionen aus juristischer Sicht. „Zeitenwende“? . . . . . . . . . . . . . . . 952 Erfolgreiche wissenschaftliche Karrieren von Frauen können die Zukunft für die jüngere Generation von Wissenschaftlerinnen greifbarer und gestaltbarer machen. Diese weiblichen Vorbilder regen an, sich mit bisher unbekannten Karriereverläufen auseinanderzusetzen und andere Wege einzuschlagen. WeiblicheVorbilder . . . . . . . . . . . . . 968 Foto: picture alliance Foto: picture alliance/dpa-tmn DAT E N S C H U T Z Jürgen Kühling | Boris Paal | Rolf Schwartmann 950 Datenschutz undWissenschaft können sich vertragen Plädoyer für ein adäquates Schutzrecht Alexander Roßnagel 952 „Zeitenwende“ im Datenschutz? Über Grundrechtsschutz und mehr digitale Souveränität G E S E L L S C HA F T U N D M I G R AT I O N Birgit Glorius 954 Flüchtlingskrise 2.0? Ein Blick auf Deutschland als Aufnahmeland im Jahre 2022 B E S O L D U N G Hubert Detmer 956 DurchschnittswerteW-Besoldung Eine Länderübersicht B U C H E M P F E H LU N G E N 958 Lesezeit K A R R I E R E P R A X I S Alexandra Niessen-Ruenzi 968 „Man kann nicht sein, was man nicht sehen kann...“ Der Einfluss weiblicher Vorbilder auf die Karriereverläufe von Frauen R U B R I K E N 927 Fundsachen 960 Forschung: Ergründet und entdeckt 962 Zustimmung und Widerspruch 964 Lesen und lesen lassen 966 Entscheidungen aus der Rechtsprechung 970 Preise 972 Habilitationen und Berufungen 977 Impressum 977 Rektoren, Kanzler und Leitungspositionen 978 Akademischer Stellenmarkt 998 Exkursion 999 Enigma 1000 Fragebogen: Am Ende optimistisch? – Gerhard Blickle

924 N A C H R I C H T E N Forschung & Lehre 12|22 Nachrichten Täglich aktuelle Nachrichten auf www.forschung-und-lehre.de 2023 doch mehr Geld für den DAAD und die Humboldt-Stiftung Bei einer „Bereinigungssitzung“ hat der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages den Bundeshaushalt 2023 beschlossen. Dabei geht der Bund von Ausgaben in Höhe von insgesamt etwa 476 Milliarden Euro aus, teilte der Ausschuss mit. Diese Summe liege etwa 31 Milliarden Euro über dem ursprünglichen Regierungsentwurf. Gegenüber 2022 sollen die Ausgaben allerdings 19,5 Milliarden Euro niedriger sein. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) wird mehr Geld vom Bund erhalten als noch im Sommer diesen Jahres geplant: Vom Auswärtigen Amt soll die Organisation laut Deutschlandfunk etwa 31 Millionen Euro mehr Grundfinanzierung erhalten. Geplant waren ursprünglich 191 Millionen Euro, nun werden es wohl 222 Millionen Euro, ein Rekordergebnis. Auf Anfrage von „Forschung & Lehre“ begrüßte der DAAD die signifikante Budgetsteigerung, die der Bundeshaushalt 2023 für ihn vorsieht. Während der vergangenen Monate hatte der DAAD sich für die Rücknahme der vorgesehenen Kürzungen seiner Grundfinanzierung im kommenden Jahr bemüht. Der DAAD sagte, dass man sich beim Auswärtigen Amt dafür einsetzen werde, mit den zusätzlichen Mitteln die im Sommer angekündigten Kürzungen bei den Kurzzeitprogrammen, Langzeitstipendien und Lektoraten rückgängig zu machen. Zudem seien diese Mittel auch mit besonderen Maßnahmen verbunden, um in Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt Menschen aus der Ukraine und dem Iran zu unterstützen. Die Alexander von Humboldt-Stiftung soll 2023 mit zusätzlichen 6,5 Millionen Euro ebenfalls mehr Geld vom Bund erhalten, als der Haushaltsentwurf besagte. Die Stiftung zeigte sich auf Anfrage von „Forschung & Lehre“ erfreut über das starke Signal für den Stellenwert ihrer Arbeit, denn ursprünglich war im Haushaltsentwurf eine Kürzung um rund acht Prozent vorgesehen. Dies hätte drastische Einschnitte in der Förderung internationaler wissenschaftlicher Kooperationen bedeutet, weniger Stipendien und die Einstellung ganzer Förderprogramme. Stiftungspräsident Professor Hans-Christian Pape erklärte zur Haushaltsentscheidung, dass es wichtig sei, dass die Stiftung die Mittel frei einsetzen könne, um einen Teil der zuletzt noch drohenden Einschnitte in Kernbereichen der Stiftung vermeiden zu können. Über die genaue Mittelverwendung spreche man aktuell mit dem Auswärtigen Amt, so Pape. Die Zuwendungen des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und des Bundesumweltministeriums seien weitgehend konstant geblieben, während die Stiftung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ein etwas höheres Budget erhalten werde. Gut 891 Millionen Euro soll das BMBF 2023 mehr erhalten als bisher vorgesehen. Laut Haushaltsausschuss des Bundestags sollen dem BMBF im kommenden Jahr insgesamt 21,46 Milliarden Euro zur Verfügung stehen, nicht wie im Entwurf noch geplant 20,57 Milliarden Euro. Ein großer Teil der zusätzlichen Gelder ist für die Umsetzung der beabsichtigten Einmalzahlung von 200 Euro an Studierende, Fach- und Berufsschülerinnen und -schüler gedacht. Dieser Ausgleich für die finanziellen Belastungen durch die hohen Energiepreise und die Inflation ist mit insgesamt 700 Millionen Euro im Budget vorgesehen. Promotionsrecht für HAW in NRW verliehen Das Ministerium für Kultur und Wissenschaft hat den Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) in Nordrhein-Westfalen (NRW) offiziell ein eigenständiges Promotionsrecht verliehen, teilte das „Promotionskolleg für angewandte Forschung in NordrheinWestfalen“ mit. Die Hochschulen erhalten das Promotionsrecht gesammelt über das Promotionskolleg, einer vor zwei Jahren gegründeten hochschulübergreifenden wissenschaftlichen Einrichtung der HAW. Bislang waren Promotionen an HAW nur in Kooperation mit einer Universität möglich. Das Kolleg kann nun laut Mitteilung ab sofort eigenständige Promotionsverfahren durchführen und Doktorgrade vergeben. An dem Kolleg promovieren Hochschulabsolventinnen und -absolventen „in strukturierten Programmen“ und mit Begleitung durch erfahrene Lehrende. Vorangegangen war eine positive Evaluation des Promotionskollegs durch den Wissenschaftsrat im Juli.

12|22 Forschung & Lehre N A C H R I C H T E N 925 Täglich aktuelle Nachrichten auf www.forschung-und-lehre.de K O M M E N TA R Es fließt Wissenschaftsorganisationen und Tausende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler waren einmütig in ihrer Kritik und klaren Ablehnung der angedrohten dramatischen Kürzungen der Wissenschaftsetats durch das BMBF und das Auswärtige Amt. Nun gibt es für den DAAD und die AvH sogar mehr als im Haushaltsentwurf ursprünglich vorgesehen. Einmütig ist nun ihr Lob und die Freude über diese Rückkehr der wissenschaftspolitischen Vernunft. Das gilt auch für den Beschluss der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK), die ein Milliardenpaket für Forschung und Lehre verabschiedet hat, einschließlich teilweiser Dynamisierung. Zu Recht werten die Präsidentinnen von Wissenschaftsrat und Deutscher Forschungsgemeinschaft dies als „klare Signale für die Wissenschaft“ und „weitere Stärkung der Spitzenforschung an Universitäten“. In der Tat muss man diese Kursänderung zugunsten von Wissenschaft und Forschung in Zeiten der multiplen Krisen hochschätzen. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass dies angesichts von über zehn Prozent Inflation und den großen Erwartungen an die Wissenschaft, zur Lösung vielfältiger Zukunftsprobleme beizutragen, nicht reichen wird. In den kommenden Jahren muss weiter zugelegt werden. Hoffentlich wird die Wissenschaft auch dann wieder Gehör finden. Felix Grigat GemeinsameWissenschaftskonferenz beschließt Milliardenpaket Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) der Wissenschaftsministerinnen und -minister von Bund und Ländern hat „ein Milliardenpaket“ für Forschung und Lehre in Deutschland beschlossen. Das sagte der bayerische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Markus Blume, stellvertretender Vorsitzender der GWK gegenüber der Presse. Die GWK-Vorsitzende, Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger, präsentierte die Entscheidungen, auf die sich die Ministerinnen und Minister geeinigt haben: Demnach solle der Zukunftsvertrag „Studium und Lehre stärken“ dynamisiert werden. Jährlich sollen die Mittel steigen, so dass Bund und Länder jeweils bis 2027 338 Millionen Euro mehr aufbringen, um das Ziel eines jährlichen Zuwachses von drei Prozent mehr Geld für die Hochschulen zu realisieren, das im Koalitionsvertrag der Ampelregierung vorgesehen war. 2023 sollen erstmals drei Prozent mehr investiert werden, 2024 sogar 5,87 Prozent, 2025 dann ausgleichend nur 1,5 Prozent und ab 2026 jährlich drei Prozent. In den Jahren 2023 bis 2027 sollen die Hochschulen so rund 20,8 Milliarden Euro erhalten. Der Bund werde die Hochschulen zudem mit rund zwei Milliarden Euro angesichts der gestiegenen Energiekosten unterstützen. Weiter werde die Exzellenzstrategie ausgeweitet: Statt 57 soll es ab dem Jahr 2026 70 Exzellenzcluster geben. Dafür hätten sich Bund und Länder geeinigt, 154 Millionen Euro pro Jahr mehr zu investieren (statt der aktuellen 533 Millionen zukünftig 687 Millionen Euro). So sollen bis zu 15 Exzellenzuniversitäten gefördert werden können. Diese Entscheidungen begrüßten die Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Professorin Katja Becker, und die Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Professorin Dorothea Wagner, in einer gemeinsamen Mitteilung. Die Ausweitung und Mittelsteigerung seien klare Signale für die Wissenschaft und die weitere Stärkung der Spitzenforschung an Universitäten in Deutschland. Darüber hinaus, so StarkWatzinger, sei die Nationale Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) in der zweiten Phase, der Aufbauphase, angekommen. Die GWK habe sich verständigt, acht weitere Konsortien, darunter sieben Fachkonsortien und ein Fachdienstkonsortium, aufzunehmen. Das Professorinnenprogramm des Bunds und der Länder werde ebenfalls fortgeführt. Es diene dazu, die Zahl der Professorinnen zu erhöhen und andererseits die Gleichstellung an den Hochschulen zu verbessern. Nach wie vor würden viele Frauen nach der Promotion die Hochschulen verlassen und fehlten auf den wissenschaftlichen Führungspositionen, so Stark-Watzinger. Für das Programm stellten Bund und Länder bis 2030 320 Millionen Euro zur Verfügung. In der vierten Phase des Programms sollten auch kleinere und bisher nicht beteiligte Hochschulen gefördert werden. HRK bemängelt Karrierechancen von Frauen Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) hat eine Resolution zu den Chancen von Frauen auf akademischen Karrierewegen veröffentlicht, in der sie die bestehenden Auswahl-Verfahren kritisiert. Anlass der Resolution waren Daten der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) zu Frauen in Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, die zeigen, dass die Chancengleichheit immer noch in weiter Ferne sei. Die HRK nimmt in ihrer Resolution „mit großer Sorge“ zur Kenntnis, dass die Fortschritte „trotz zahlreicher Maßnahmen viel zu gering sind“. Das Kaskadenmodell, das Zielquoten für die unterschiedlichen Karriereebenen etablieren soll, sowie Mentoring- und Coaching-Angebote veränderten die Situation offensichtlich nicht grundlegend. Es müsse einen „Kulturwandel“ geben, folgert die HRK. Bisher würden bei der Auswahl und Bewertung von Kandidatinnen und Kandidaten für offene Stellen in der Wissenschaft weiterhin Stereotype eine Rolle spielen, oft würden geeignete Bewerberinnen und Bewerber zu stark in bestehenden Netzwerken gesucht, von denen Frauen vielfach ausgeschlossen seien. Recruiting müsse an den Hochschulen „systematisch gleichstellungsorientiert" stattfinden, was bislang nur an wenigen Hochschulen so geschehe. „Mittel- oder langfristig“ solle „jede zweite Professur mit einer Frau“ besetzt werden. Die Hochschulen wollen, wie die HRK mitteilt, die notwendigen Schritte dafür gehen.

926 N A C H R I C H T E N Forschung & Lehre 12|22 Klimaaktivisten besetzen Hörsäle An verschiedenen Universitäten in Deutschland hatten Studierende Hörsäle und Gebäude besetzt. Damit schlossen sie sich nach eigenen Angaben weltweiten Protesten an, um für effektiven Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit einzutreten. Aktionen fanden u.a. an den Universitäten in Köln, Duisburg, Erlangen, Göttingen, Marburg und Regensburg und am Karlsruher Institut für Technologie statt. Mit Material von dpa Vier von zehn Studierenden von Armut gefährdet Rund 38 Prozent der Studierenden in Deutschland waren im vergangenen Jahr armutsgefährdet. Noch höher war das relative Armutsrisiko für diejenigen, die allein oder ausschließlich mit anderen Studierenden zusammenlebten: 76 Prozent von ihnen waren armutsgefährdet, teilte das Statistische Bundesamt mit. Es handelt sich um Erstergebnisse einer europaweiten Statistik. Zum Vergleich: Insgesamt waren im vergangenen Jahr rund 16 Prozent der Bevölkerung in Deutschland von Armut bedroht. Als armutsgefährdet gilt eine Person, wenn sie über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt. 2021 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person in Deutschland bei 1 251 Euro im Monat. CSU-Generalsekretär verzichtet auf Doktorgrad CSU-Generalsekretär Martin Huber verzichtet freiwillig auf das Führen seines Doktorgrads. Damit reagierte Huber auf die Überprüfung seiner Doktorarbeit durch die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Der zuständige Promotionsausschuss hatte laut Mitteilung der LMU letztlich zwar keine „nachgewiesene Täuschung“ gesehen, aber festgestellt, „dass die Handhabung der Formalia als wissenschaftliche Technik nicht den wissenschaftlichen Anforderungen an eine Dissertation entspreche“. Hubers Arbeit hätte demnach seinerzeit „nicht als Dissertationsleistung angenommen werden dürfen“. Mit Material von dpa Gas-Soforthilfe auch für Bildungseinrichtungen Auch Bildungs- und Forschungseinrichtungen profitieren nach Angaben von Forschungsministerin Bettina StarkWatzinger von der Gaspreis-Entlastung, die im Bundeskabinett auf den Weg gebracht wurde. Es sei gut, dass sich die Bundesregierung darauf verständigt habe, Einrichtungen des Bildungs-, Wissenschafts- und Forschungsbereichs bei der Soforthilfe zu berücksichtigen, sagte die FDP-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur. Wegen der hohen Energiepreise ist geplant, dass der Staat für Gas- und Fernwärmekundinnen und -kunden die Abschlagszahlungen für den Dezember übernimmt. Stark-Watzinger bezeichnete es als ein besonderes Anliegen, dass die Bildungs- und Forschungseinrichtungen auch unter die nachgelagerte Gas- und Strompreisbremse samt vorgesehener Härtefallregelung fielen. Besonders energieintensive Forschungseinrichtungen seien von der Energiekrise betroffen. Sie warnte vor drastischen Einschnitten beim Forschungsbetrieb „mit spürbaren Konsequenzen für die Forschung und auch den wissenschaftlichen Nachwuchs“. Mit Material von dpa Täglich aktuelle Nachrichten auf www.forschung-und-lehre.de Wissenschaftsorganisationen bestürzt über Gewalt im Iran Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) hat sich bei ihrer Mitgliederversammlung gegenüber Hochschulangehörigen sowie Bürgerinnen und Bürgern im Iran solidarisch gezeigt, die sich für Frauen- und Menschenrechte einsetzen. Die Mitglieder der HRK appellierten an die iranische Staatsführung, auf die Anwendung von Gewalt zu verzichten, den Dialog zu suchen und die Freiheit der Meinungsäußerung und der Wissenschaft zu achten. Seit Mitte September demonstrieren Iranerinnen und Iraner, darunter auch viele Studierende und Forschende, gegen die iranische Staatsführung und sind dabei Gewalt ausgesetzt. Im Iran gilt der Campus einer Hochschule als gesetzlich geschützter Raum, der Zugriffe durch die staatlichen Sicherheitskräfte eigentlich nicht zulässt, trotzdem sind laut HRK-Mitteilung Polizei und andere Sicherheitskräfte auch dort wiederholt gewaltsam gegen friedlich demonstrierende Hochschulangehörige vorgegangen, hätten Hochschulgebäude gestürmt und Studierende festgenommen. HRK-Präsident Professor Peter-André Alt dankte außerdem den deutschen Hochschulen für die Solidarität, die sie Studierenden und Forschenden aus dem Iran derzeit entgegenbrächten. Auch der Wissenschaftsrat hat zusammen mit sechs anderen europäischen Wissenschaftsräten in einer gemeinsamen Erklärung seine Sorge über die Situation der Wissenschaftsgemeinschaft im Iran ausgedrückt. Gute Noten fürWissenschaftsminister, Rektoren und Präsidenten? Wen wählen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum/zur „Wissenschaftsminister/in des Jahres“ und „Rektor/in/Präsident/in des Jahres“? Der Deutsche Hochschulverband (DHV) ruft seine Mitglieder einmal im Jahr dazu auf, die Arbeit des Rektors/der Rektorin bzw. des Präsidenten/ der Präsidentin ihrer Hochschule nach Schulnoten von eins bis sechs zu bewerten. Gleiches gilt für die Leistung ihrer jeweiligen Landeswissenschaftsministerin bzw. ihres jeweiligen Landeswissenschaftsministers sowie der Bundesministerin für Bildung und Forschung. Fühlen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von den Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern in Politik und Hochschulen gut vertreten? Bis zum 9. Dezember 2022 haben alle 33 000 DHVMitglieder Gelegenheit, sich mittels eines geschützten Passworts an einer OnlineAbstimmung zu beteiligen. Das Bewertungsverfahren wurde in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Evaluation und Methoden der Universität Bonn entwickelt. Die Auszeichnungen werden im Rahmen der „Gala der Deutschen Wissenschaft“ am 3. April 2023 in Berlin verliehen. Der Preis „Rektor/ in/Präsident/in des Jahres“ ist mit einem Preisgeld von 10 000 Euro dotiert und wird von „Santander Universitäten“ gestiftet. Der Preisträger soll die Mittel zweckgebunden für ein hochschulbezogenes Projekt verwenden.

12|22 Forschung & Lehre F U N D S A C H E N 927 Fundsachen Stärke „Hört auf mit dem Selbstmitleid. Stärke kommt nicht vom Gewinnen.“ Arnold Schwarzenegger; zitiert nachThe Pioneer Briefing vom 1. November 2022. Anregungen „Ich schätze meine Zeit als Junior Research Fellow am Jesus College Oxford sehr. Ich vermisse diese formellen Abendessen im Stil von Harry Potter, bei denen sich Forschende aus verschiedenen Disziplinen mischen. Titel, Dienstalter oder Auszeichnungen beeindrucken dort niemanden. Es zählt nur der Beitrag, den man zu einer intellektuellen Konversation leistet. Diese Abendessen haben mir viele Anregungen für meine Forschung darüber gegeben, wie man Glück messen kann.“ Chengwei Liu (Ph.D., Cambridge), Professor für Strategie und Verhaltenswissenschaften an der ESMT Berlin; zitiert nach Die Zeit: Wissen Drei vom 10. November 2022. Isolationismus „Denn eine Beschränkung der Forschungszusammenarbeit auf ‚befreundete‘ Länder wäre ein Isolationismus, der uns schaden würde. Von einer guten Zusammenarbeit aber werden beide Länder profitieren – technologisch, wirtschaftlich und bei der Bewältigung der globalen Krisen des Klimas und der Gesundheit. Ohne China wird dies nicht gelingen.“ Dr. Enno Aufderheide, Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung. Bedrohung „Die Globalisierung scheint auch im Feld der Wissenschaft an ihr Ende gekommen zu sein, jedenfalls in der Form, wie wir sie kannten: Wissensaustausch zum Zweck erweiterter Forschungsmöglichkeiten durch Kooperation, gemeinsame Nutzung von Wissen und wissenschaftlichen Einrichtungen, erweiterte wissenschaftliche Bildung für die nachwachsenden Generationen überall auf der Welt. (…) Globalisierung ist mithin nicht länger eine Chance, sondern eine Bedrohung, wenn die Spieler Wissenschaft mit ganz unterschiedlichen Zielen und Zwecken verknüpfen. Für imperialistische Systeme kann es nämlich keine zweckfreie wissenschaftliche Forschung geben, auch die sogenannte Grundlagenforschung nicht, weil, systemtheoretisch gesprochen, das System Wissenschaft dort eben nicht entlang der Unterscheidung ‚wahr/nicht wahr‘ operiert, sondern diese Differenz stattdessen dem politischen System subsumiert wird. Dieses ist aber durch die Leitdifferenz ‚Macht/ Machtlosigkeit‘ gekennzeichnet.“ Professor Dieter Lenzen; zitiert nach Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26. Oktober 2022. Hoffnung „Hoffnung ist nicht Zuversicht. Wenn sie nicht enttäuschbar wäre, dann wäre sie keine Hoffnung; das gehört zu ihr. Denn dann würde sie ausgepinselt sein und würde sich herunterhandeln lassen und würde dann kapitulieren, sagen: Das ist das, was ich erhofft habe. Also, Hoffnung ist kritisch, Hoffnung ist enttäuschbar, Hoffnung aber nagelt doch immerhin eine Flagge an den Mast.“ Ernst Bloch (1885 bis 1977) Twitter 1 „Das digitale Leben interessiert mich nicht mehr. Ich habe in Twitter seit Monaten gar nicht mehr reingeguckt.“ Professor Christian Drosten; zitiert nach Die Zeit vom 24. November 2022. Twitter 2 „(Twitter) ist das beste Medium, um sich über andere lustig zu machen.“ Marius Sältzer; zitiert nach Süddeutsche Zeitung online vom 24. November 2022. Altgriechisch „Wer über das A und O, das Alpha und Omega unseres Alltags nachdenkt, kommt am Altgriechischen nicht vorbei. Deswegen: Wenn man schon so viel Unsinn in der Schule lernt, dann doch bitte gern den Quatsch aus der Wiege des europäischen Abendlandes. Denn dann ist Schule wenigstens ein vergnügliches Wolkenkuckucksheim. Übrigens auch eine sehr lebendige Erfindung aus der angeblich so toten Antike. Kurz: Altgriechisch macht glücklich. Mega glücklich.“ Claudia Cornelsen; zitiert nach Deutschlandradio Kultur vom 24. November 2022. Prinzip „Mein oberstes Prinzip: sich nicht unterkriegen lassen, nicht von den Menschen und nicht von den Ereignissen.“ Marie Curie (1867 bis 1934) Courage „Meine Mutter hat uns immer gesagt: ‚Es ist wichtig, dass du Menschen zuhörst, die nicht mit dir übereinstimmen. Wenn du aber nach aufmerksamem Zuhören immer noch der Meinung bist, dass du recht hast, musst du die Courage besitzen und zu deiner Meinung stehen.‘ “ Jane Goodall, Verhaltens- und Primatenforscherin

Foto: mauritius images Dreh- und Angelpunkt Zur Bedeutung von Zielen für den Menschen

Der Zielbegriff begegnet uns im Alltag in vielerlei Zusammenhängen – im Sport, am Arbeitsplatz, in Schule und Studium, wenn es darum geht, eine bestimmte Leistung zu erbringen. Sportliche Zielvorgaben, organisationale Produktivitätsziele und curriculare Lernziele setzen die Standards, anhand derer die Leistung von Individuen oder Teams bewertet wird, sie bilden aber auch ganz wesentlich die Grundlage für Wissenserwerb und Kompetenzentwicklung. Doch Ziele sind mehr als Leistungsstandards. Unsere persönlichen Ziele formen unsere Identität, geben unserem Leben Struktur und Sinn, steuern unser Verhalten, schaffen Kohärenz in der Vielfalt alltäglicher Aktivitäten und beeinflussen so unser Wohlbefinden (Brandstätter & Hennecke, 2018). Ziele sind damit ein Drehund Angelpunkt im menschlichen Leben. Ziellos zu sein ist ein belastender Zustand, der mit Orientierungslosigkeit, Leere und mangelndem Antrieb einhergeht. Ein Ziel zu haben hingegen heißt, sein Verhalten auf etwas Wünschenswertes, in der Zukunft Liegendes auszurichten – und das kann etwas kurzfristig und einfach Erreichbares (z.B. eine Erledigung machen; einen Freund besuchen), aber auch ein längerfristiges, komplexeres Vorhaben sein (z.B. eine Sprache lernen; eine Berufsausbildung absolvieren). Verbindliches Festlegen Auch Wünsche sind in die Zukunft gerichtet („wie schön wäre es doch, wenn …“), ihnen fehlt jedoch der Handlungsentschluss, den angestrebten Zielzustand aktiv und selbst gegen Widerstände erreichen zu wollen. Erst die verbindliche Festlegung auf ein Ziel (engl. commitment) setzt die vielfältigen handlungsregulatorischen (volitionalen) Prozesse frei, die die Zielrealisierung unterstützen. Damit wird es möglich, seine Kräfte zu bündeln, Konzentration, Anstrengung und Ausdauer so zu regulieren, dass die Zielerreichung gelingt. Mit der Zielsetzung geht eine kognitive Neuorientierung einher: Nach der breit gefächerten Aufmerksamkeit für verschiedenste Handlungsoptionen in der Phase des Abwägens und Entscheidens tritt nun das gewählte Ziel in den Fokus, alles, was uns vom Pfad abbringen würde, tritt in den Hintergrund und wird gewissermaßen ausgeblendet. Diese Fokussierung auf die Zielrealisierung wird unterstützt durch sog. Implementierungsintentionen, in denen die handelnde Person sich prospektiv auf günstige Gelegenheiten zur Initiierung zielführenden Handelns festlegt, die bei ihrem Auftreten quasi automatisch die Handlung auslösen und damit helfen, eine wichtige Hürde bei der Zielrealisierung zu nehmen (Gollwitzer & Sheeran, 2006). Gute-Vorsätze-Phänomen Nicht immer ist jedoch diese spezifische Form des Planens ausreichend, um eine intendierte Handlung auch wirklich auszuführen. Nur zu gut kennt man das „Gute-Vorsätze-Phänomen“, nach dem ja bekanntlich der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist, und selbst ein fester Entschluss, etwas zu tun oder anderes zu unterlassen, alsbald in Vergessenheit gerät. „Gute Vorsätze“ beziehen sich ja häufig auf Dinge, die man der Gesundheit, der Familie und Freunde, der Umwelt willen ändern möchte – mehr Sport treiben, mehr Zeit mit seinen Lieben verbringen, weniger Fleisch essen, weniger Flugreisen unternehmen usw. Nicht selten kommen diese aber unter die Räder in den Momenten, in denen ein langfristiges Ziel (Gesundheit erhalten, soziale Beziehungen pflegen, die Umwelt schonen) in Konflikt mit einem spontanen und oft heftigen Bedürfnis gerät. „Jetzt der heiße Genuss, später das langfristige Ziel, dafür ist ja immer noch Zeit…“ so geht es manchem durch den Kopf. In der motivationspsychologischen Forschung widmet man sich seit einiger Zeit sehr intensiv der Frage, welche sog. Selbstregulationsstrategien uns zur Verfügung stehen, um das eigene Zielstreben auf Kurs zu halten, wenn man sich mit Versuchungen oder Ablenkungen konfrontiert sieht. Es sind nicht nur die oben bereits erwähnten Implementierungsintentionen. Vielmehr steht der handelnden Person eine Vielzahl an Strategien zur Auswahl, die dabei helfen können, Handlungsschwierigkeiten unterschiedlichster Art (z. B. etwas Unangenehmes oder Anstrengendes für sein Ziel zu tun oder auf etwas Verlockendes zu verzichten) zu überwinden (Bürgler et al., 2021). Menschen unterscheiden sich hinsichtlich ihres Wissens zu möglichen Selbstregulationsstrategien (Hennecke & Bürgler, 2022) und auch wie gut ihnen im entscheidenden Moment ihr Einsatz gelingt. Manche schaffen es deutlich besser als andere, Versuchungen zu widerstehen, unliebsame Aufgaben anzupacken, sich von Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen und Durststrecken auszuhalten. Dies ist eng verwoben mit der Fähigkeit, seine Emotionen zu regulieren, d.h. selbstgesteuert durch positive Emotionen die Handlungsenergie zu finden, um loszulegen oder aber bei einem Misserfolg die negativen Gefühle von Enttäuschung und Frustration nicht Überhand gewinnen zu lassen (Kuhl et al., 2021). Art der Zielformulierung Doch nicht nur Merkmale der Person bestimmen über den Erfolg beim Zielstreben, es ist auch die Art der Zielformulierung, die einen Unterschied macht (für eine Zusammenfassung siehe Brandstätter & Hennecke, 2018). Zahlreiche Studien zeigen, dass Annäherungsziele (das Streben nach etwas Positivem, z. B. „die Beziehung zu meinem Partner vertiefen“) im Vergleich zu Vermeidungszielen (der Versuch etwas Unangenehmes zu vermeiden, z. B. „Konflikte mit meinem Partner vermeiden“) erfolgreicher verfolgt werden und dem Befinden zuträglicher sind. Ebenso sind 12|22 Forschung & Lehre Z I E L E 929 | V E R O N I K A B R A N D S T Ä T T E R - M O R A W I E T Z | Sich etwas vorzunehmen und es dann zu tun, ist für den Menschen weitaus mehr als das Zeigen von Leistung und das Erreichen von Standards. Persönliche, aber auch übergreifende Ziele formen die menschliche Identität und geben dem Leben Struktur und Sinn. A U T O R I N Veronika Brandstätter-Morawietz hat den Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie (Motivation) an der Universität Zürich inne. »Ziellos zu sein ist ein belastender Zustand, der mit Orientierungslosigkeit, Leere und mangelndem Antrieb einhergeht.«

930 Z I E L E Forschung & Lehre 12|22 konkrete Ziele, die die handelnde Person in angemessenem Maße herausfordern („Schreiben Sie vier empirische Artikel in diesem Jahr!“), weitaus günstiger für Leistung und Zufriedenheit als vage Ziele (z. B. „Zeigen Sie mal, was Sie können!“), was in vielen Managementhandbüchern unter dem Konzept „SMARTer Ziele“ abgehandelt wird. Bei der Verfolgung konkreter und herausfordernder im Vergleich zu vagen Zielen fällt es wesentlich leichter, sich Teilziele zu setzen und seine Ressourcen entsprechend einzuteilen, Fortschritte zu erkennen, was umso wichtiger ist, als Fortschritte beim Zielstreben und natürlich die Zielerreichung selbst die Quelle von Zufriedenheit und Wohlbefinden sind (Carver & Scheier, 1990). Ziele werden ferner dann erfolgreich verfolgt, wenn sie in grundlegenden affektiven Bedürfnissen der Person (sog. impliziten Motiven) verankert sind. Bei den impliziten Motiven unterscheidet man im Wesentlichen das Streben nach (a) Bewältigung von Herausforderungen und Kompetenzzuwachs (Leistung), (b) Einfluss und Verantwortung (Macht), (c) sozialem Kontakt und Bindung (Affiliation). Auch wenn wir selbstverstänlich nicht immer gemäß unseren Motiven und Bedürfnissen handeln können, so ist doch chronische Motivinkongruenz beim Zielstreben ein klarer Stressor, der das psychische und physische Wohlbefinden beeinträchtigt (Hofer & Busch, 2017). Handlungskrise Mit dem in der Motivationspsychologie lange vorherrschenden Fokus auf die Determinanten von Ausdauer beim Zielstreben geriet jedoch ein wesentlicher Aspekt aus dem Blick. Erfolgreiches Zielstreben besteht nämlich nicht nur in der ausdauernden Verfolgung von Zielen, vielmehr ist es bisweilen auch nötig, Ziele aufzugeben, wenn sie sich als unerreichbar oder zu kostenreich erweisen (Brandstätter & Bernecker, 2022). Die zentrale Bedeutung von Zielen für die Identität einer Person macht es leicht nachvollziehbar, dass die Ablösung von einem Ziel, in das man schon einiges investiert hat, langwierig und schwierig ist. Eric Klinger (1977) spricht gar von einem „psychischen Erdbeben“ (S. 137). Wiederholte Rückschläge bei der Verfolgung eines Ziels, das man selbst durch erhöhten Einsatz nicht in den Griff bekommt, münden häufig in Zweifel, ob man überhaupt noch daran festhalten soll. Diese sog. „Handlungskrise“ (Brandstätter et al., 2013) löst die positive kognitive Orientierung auf das Ziel auf, Hoffnung und Resignation halten sich die Waage, was lähmend wirkt und Befinden und Leistung beeinträchtigt. Hat man sich dann doch von einem persönlich bedeutsamen Ziel gelöst, heißt es, sich rasch neuen Dingen zuzuwenden (Wrosch & Scheier, 2020), wieder etwas zu wünschen, was zu einem Ziel werden kann. »Hat man sich dann doch von einem persönlich bedeutsamen Ziel gelöst, heißt es, sich rasch neuen Dingen zuzuwenden.« Foto: mauritius images

Further information, selection and eligibility criteria on environmentalsystems.uni.lu | environmentalsystems@uni.lu Please submit your concept by 8 January 2023. It will be evaluated by an international selection committee of independent experts. A second phase will be dedicated to the actual recruitment process of the founding director. How to participate A concept with long-term relevance that combines local and international elements. A vision to attract the best talents from around the world to a centre that excels at both basic research and real-world applications. The profile of the founding director will combine an outstanding academic record with the management capabilities to establish a new centre. What we expect The new IC is to become an international reference centre in environmental systems, which includes their interdisciplinary and systemic relevance to a sustainable society and economy. The IC will stand for both excellent research and societal impact. What we imagine What we offer An attractive research system, ranked 1st in the 2022 EU Innovation Scorecard, at one of the world’s most international universities. Founded in 2003, the University of Luxembourg is an international research university with a distinctly multilingual and interdisciplinary character, ranked among the top 250 universities in the world by Times Higher Education. Its research focuses on the key areas of digital transformation, medicine and health, as well as sustainable and societal development. The University has both local and global impact and is a driving force in a country well on its way to becoming a leading knowledge-based society. The University of Luxembourg will establish anInterdisciplinary Centre (IC) for environmental systems. This ideas competition is calling on outstanding scientists from around the world to submit their concepts. The scientist with the most innovative and convincing ideas will be invited to apply as the founding director of the centre. Do you have a vision for a new interdisciplinary centre investigating environmental systems? International ideas competition at the University of Luxembourg

932 Z I E L E Forschung & Lehre 12|22 Erfolgreich ohne klare Ziele Das Problem einer allzu exakten Ausrichtung an Hochschulen Die Auffassung, dass jeder Veränderungsprozess durch eine genaue und möglichst präzise Zielbestimmung eingeleitet werden soll, ist weit verbreitet. An Universitäten wird zunehmend die Anforderung gestellt, Forschungs- und Lehrprofile zu entwickeln und die Zielvorstellungen in konkrete Veränderungsprozesse herunterzubrechen. Eine genaue Zielbestimmung soll – so die Hoffnung – dafür sorgen, dass selbst in Universitäten mit ihren sehr komplexen Interessenlagen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf gemeinsam geteilte Ziele ausgerichtet werden können. Wenn eine Organisation mit viel Mühe ihre Ziele definiert hat, dann werden diese in der Regel mit schwerem Geschütz verkündet: Aufbauend auf aufwändig erstellten Kommunikationskonzepten werden die Ziele und Schritte auf eigenen Webseiten dargestellt. Ziele des Wandels werden in Versform gegossen oder anhand eingängiger Abkürzungen, etwa „Mission Lehre der Zukunft“, „Exzellenz in der Wissenschaft“ oder „Super Innovation“, illustriert. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden – wenn sie denn mitmachen – in Konferenzen zusammengeholt, um ein Gemeinschaftsgefühl für den Veränderungsprozess herzustellen. Gründe für konkrete Ziele Dabei scheint es gute Gründe dafür zu geben, Ziele des Wandels so konkret wie möglich zu definieren. Wenn Zielbestimmungen aus allzu offensichtlichen Plattitüden bestehen, lässt das gerade das wissenschaftliche Personal kalt. Ein gewisses Maß an Managementprosa à la „Die unternehmerische Hochschule“, „Die nachhaltige Fachhochschule“ oder „Die exzellente Universität“ mag auch in Organisationen mit einem überdurchschnittlich kritischen Personal verkraftbar sein. Beschränkt sich die propagierte Zielsetzung jedoch auf solche Allgemeinplätze, dann verpufft die Wirkung der mühsam erarbeiteten Zielsetzungen weitgehend in den Fluren der Institutsgebäude. Kurz: Zielbestimmungen wirken nur dann handlungsmotivierend, wenn die Ziele präzise vorgegeben, die Mittel zur Zielerreichung spezifiziert und einhaltbare Prinzipien definiert werden. Auf den ersten Blick scheint also auch an Universitäten und Fachhochschulen viel für eine präzise Bestimmung von Zielen zu sprechen. Je genauer die Zielbestimmung beschreibt, was durch den Wandlungsprozess erreicht werden soll, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den nahegelegten Weg nachvollziehen können. Genaue Zielbestimmungen reduzieren die Notwendigkeit, vor jeder Handlung wieder grundlegend neue Entscheidungen treffen zu müssen. Der Vorteil für die Universitätsleitung ist, dass der Handlungsrahmen durch genaue Zielbestimmungen für die Mitarbeitenden eindeutig definiert wird und so Klarheit für das weitere Vorgehen besteht. Dies erleichtert die Koordination zwischen den verschiedenen Mitarbeitenden. Die Aktivitäten in der Universität werden insofern „orchestriert“, als durch die Zielbestimmungen Argumentationen verkürzt werden können. Präzise Zielbestimmungen begrenzen den Spielraum für Veränderungen Aus der Perspektive der Verfechter von Zielbestimmungen bringt diese Vorgehensweise aber leider ein grundlegendes Problem mit sich. Die Schwierigkeit besteht darin, dass präzise Zielbestimmungen den Spielraum für Veränderungen begrenzen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können nur für das, was in die eng definierte Zielsetzung passt, motiviert und begeistert werden. Zielbestimmungen reduzieren den Denkraum und die Handlungsvielfalt von Mitarbeitenden. Überspitzt ausgedrückt: Genaue Zielbestimmungen können dumm machen. Sie begrenzen Kreativität und Innovation, weil sie nicht in dem Zielraum der Organisation liegen. Denn nur diejenigen, die im Sinne des durch Zielbestimmung vorgegebenen Sinns handeln, fügen sich in die Forschungsprofile und Excellence Cluster ein und können davon ausgehen, dass sie Aufmerksamkeit, Zustimmung und Applaus finden. In bestimmten Situationen mag der durch eine genaue Zielvorstellung definierte Rahmen für Veränderung ausrei- | S T E F A N K Ü H L | Die Formulierung genauer Ziele reduziert die Notwendigkeit, vor jeder Handlung wieder grundlegend neue Entscheidungen zu treffen. Die präzise Zielbestimmung begrenzt allerdings zugleich den Spielraum für Veränderungen, Kreativität und Innovation. Das gilt besonders für Hochschulen. A U T O R Stefan Kühl ist Professor für Organisationssoziologie an der Universität Bielefeld.

chen. Wenn von vornherein feststeht, dass eine Entscheidung im Rahmen einer bestimmten Zielsetzung gefällt werden kann, dann ist es für Universitäten oder Fachhochschulen sinnvoll, genau diese Zielsetzung möglichst stark zu machen und ihre Ressourcen dort zu konzentrieren. Nicht nur Universitäten und Fachhochschulen stehen jedoch, wenn man den Beobachtern glauben mag, immer mehr vor der Herausforderung, mit schnellem und radikalem Wandel auf wechselnde Umweltbedingungen zu reagieren. Eine enge Zielsetzung schränkt die Möglichkeiten, mit denen auf die sich rasch ändernden Umweltbedingungen reagiert werden kann, so stark ein, dass viele gangbare Lösungen gar nicht erst in Erwägung gezogen werden. Wie durch ein Brennglas kann man dieses Problem bei Organisationen sehen, die ihre Identifizierung mit einer bestimmten Zielsetzung sogar in ihrem Namen festschreiben. Eine Beratungsfirma, die nach innen und nach außen Zielklarheit dadurch symbolisieren will, dass sie sich durch ihren Firmennamen als „Agility Specialist“ präsentiert, könnte auf dem Höhepunkt der Agilitätswelle davon profitieren. In dem Moment, in dem die Agilitätswelle in Organisationen abebbt, würden sich aber wohl nicht wenige Firmen wünschen, dass sie die Agilität in ihrer Unternehmensdarstellung nicht allzu stark gemacht hätten. Wenn die Firma mit den vier Pünktchen in ihrem Firmenzeichen ihre vier Sparten Medizin, Pharma, kosmetische Pflege und Klebestoffe symbolisieren will und Selbiges nach außen auch kommuniziert, entsteht gegenüber Kunden und Mitarbeitern Erklärungsbedarf, wenn der medizinische Zweig plötzlich abgestoßen wird und das Logo eigentlich nur noch aus drei Pünktchen bestehen müsste. Zufälliges Resultat des Wucherns Es wird deutlich, dass in turbulenteren Zeiten Organisationen ohne klare Ziele erfolgreicher sein könnten als Organisationen, die mit präzise definierten Zielkaskaden arbeiten. Gerade weil man keine bestimmte Absicht hat, eröffnet sich dem Witterungsbegabten ein Ziel ums andere. Vermutlich sind Universitäten – gerade im Vergleich zu Unternehmen, Krankenhäusern, Verwaltungen, Armeen und Schulen – der Organisationstypus, an dem man am besten sehen kann, warum man Organisationen nicht allzu stark auf übergeordnete Ziele festlegen sollte. Vieles, was an grundlegenden wissenschaftlichen Erkenntnissen an Universitäten entsteht, ist – um ein etwas blumiges Bild des Organisationswissenschaftlers Henry Mintzberg zu verwenden – nicht das Ergebnis eines von oben geplanten Züchtungsprozesses in einem Treibhaus, sondern eher das zufällige Resultat des Wucherns sehr unterschiedlicher Wildpflanzen auf einer Wiese. Aus dieser Perspektive scheint es fast ein Glücksfall, dass sich Universitäten und Fachhochschulen – allen Bemühungen einer zunehmenden Zentralisierung zum Trotz – nie eindeutigen Zielbestimmungen fügen werden. Vom Autor ist gerade erschienen „Der ganz formale Wahnsinn. 111 Einsichten in die Welt der Organisationen“ (Vahlen). 12|22 Forschung & Lehre Z I E L E 933 Foto: mauritius-images

934 Z I E L E Forschung & Lehre 12|22 Komplexes Gefüge Die Hochschule als Koalition von Individuen und Anspruchsgruppen Hochschulen haben Leitbilder und Hochschulentwicklungspläne mit sorgfältig ausformulierten Zielen. Diese sind in der Regel Resultat formalisierter Diskursprozesse in Gremien und darüber hinaus, zum Beispiel mit Ministerien. Häufig bleiben Zielbeschreibungen abstrakt, denn dann sind sie konsensfähig. Ihre Erreichung ist in der Abstraktheit schwer überprüfbar; die ganze Hochschule dann auch relativ schlecht „steuerbar“ – anders als ein Unternehmen, in dem sich Shareholder und Management konkrete Umsatzund Marktanteilsziele vornehmen und deren Erreichung messen können. Warum geht das bei Hochschulen nicht? Warum sind auch Zielvereinbarungen für Hochschulen oft vor allem als Anlass zu Diskursen, nicht aber als Steuerungsinstrument im engeren Sinne hilfreich? Grund eins liegt in der Natur der Sache: Wenn wir in der Forschung vorher genau wüssten, was als Ergebnis herauskommen soll, könnten wir es auch lassen – in der Wissenschaft arbeiten wir mit Zielen, die wir nicht planen können bzw. nicht planen wollen. Schließlich geht es um die ergebnisoffene Wahrheitssuche. Ergo hat die Exaktheit der Zielplanung Grenzen. Grund zwei liegt in der Verfassung des Wissenschaftssystems: Hochschulen agieren in einem komplexen Gefüge aus verschiedenen Anspruchsgruppen, und jede einzelne sieht sich ihrerseits wieder mit zahlreichen internen und externen Anforderungen konfrontiert. Entsprechend vielfältig sind die Ziele, die die Akteurinnen und Akteure innerhalb der Hochschulen als Einzelne oder Gruppen auf den unterschiedlichen Ebenen verfolgen, und es bilden sich Zielsysteme und Zielhierarchien, bei denen ständig Abwägungen und Priorisierungen angesichts knapper Ressourcen ausgehandelt werden. Es lohnt der Versuch, sich daraus ergebende Spannungsfelder zu beschreiben, unter deren Einfluss die Zielverfolgungsprozesse von Hochschulen als Organisation stehen. So lästig Interessenvielfalt und -divergenzen als Quelle potenzieller Konflikte mitunter aus Sicht der Hochschulleitung erscheinen mögen, so sehr kann doch genau diese Vielfalt zugleich Quelle gesellschaftsdienlicher wissenschaftlicher Kreativität sein, von der die Hochschule lebt. Wahrheitssuche und Bildung als Oberziele Ein für Leitbilder beliebtes, abstraktes Oberziel ist die Suche nach Wahrheit. Geschützt vom Grundgesetz, das die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre garantiert, sind Hochschulen Orte der Erkenntnis- und Wahrheitssuche. Diese Freiheit kommt durch bestimmte Merkmale qualifizierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu, nämlich der Statusgruppe der Professorinnen und Professoren – also nicht allen. Dabei bezieht sich Freiheit auf die gesamte Fächerbreite und -tiefe: von der Grundlagenforschung bis zum Anwendungsprojekt. Wissenschaftliche Erkenntnisprozesse brauchen die gesamte „Erkenntniskette“. Aus der grundsätzlichen Anwendungsintention ergibt sich das zweite in der Regel unstrittige, typische Ziel des Leitbilds: die Vermittlung von Bildung. Wissenschaft will sich in der Gesellschaft als Problemlöserin wiederfinden. Dabei helfen die Studierenden als Multiplikatoren. Insofern werden Forschung und Lehre als komplementär gesehen (vgl. Wolff et al. 2022). Bildung soll Menschen befähigen, als mündige und mitgestaltende Mitglieder zukunftsfähiger Gesellschaften zu leben. Bildung bedeutet Orientierungswissen; die Fähigkeit, eine Landkarte – bildlich für die Theorie – zu verstehen und zu nutzen, die andere als Orientierungshilfe womöglich über lange Zeiträume entwickelt haben. Für ganz viele Themenfelder in einer sich immer weiter ausdifferenzierenden Welt und Wissenslandschaft gibt es derartige Landkarten, ebenso wie es sich immer | B I R G I T T A W O L F F | Ziele für Hochschulen zu entwickeln ist und bleibt eine Herausforderung für alle Beteiligten inWissenschaft, Verwaltung und Politik: Unterschiedlichste Wünsche, Erwartungen und Forderungen stehen in einem dynamischen Spannungsverhältnis zueinander. Doch was können und sollten Ziele der Hochschulen überhaupt sein? A U T O R I N BirgittaWolff ist Wirtschaftswissenschaftlerin und Rektorin der Bergischen Universität Wuppertal. »Es bilden sich Zielsysteme und Zielhierarchien, bei denen ständig Abwägungen und Priorisierungen ausgehandelt werden.« Foto: Michael Mutzberg

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