12|22 Forschung & Lehre S TA N D P U N K T 921 Meinen Twitter-Account habe ich mir einmal für Konferenzen eingerichtet. Mit dem jeweiligen Hashtag lassen sich gerade bei großen Konferenzen Inhalte, Kontroversen und Hinweise zu parallellaufenden Veranstaltungen verfolgen. Praktisch! Zudem teile ich dort meine akademischen Aktivitäten, allerdings ist das so einseitig nicht gedacht und wird vom Algorithmus auch bestraft. Die Akkumulation von Aufmerksamkeit und Netzwerken ist stellen-, mithin existenzentscheidend. Allerdings, immer wenn ich die App öffne, habe ich kleine Unzulänglichkeitsgefühle, die motivieren und deprimieren zugleich, ganz typisch für den subjektiven Antrieb im akademischen Kapitalismus. Twitter, ein Werkzeug zur subjektiven Bearbeitung von #ichbinhanna-Problematiken, erweist sich als ein Schmiermittel der akademischen Konkurrenz: Man sieht, was die Kolleginnen und Kollegen Tolles forschen, veröffentlichen, beeinflussen – permanent. Eine Kollegin findet auf Twitter sogar Verlagskontakte, Interviewpartnerinnen und -partner, entscheidende Hinweise und einen Raum privater Beziehungen. Auch praktisch, dass sich dort alle tummeln – Journalistinnen und Journalisten, Politikerinnen und Politiker, Aktivistinnen und Aktivisten und eben wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Das deutschsprachige Twitter fördert den Austausch in und zwischen den politischkulturellen Eliten. Insofern ist Einflussnahme nicht nur motivierende Fantasie im unsere Kommunikationen ausbeutenden Kapitalismus, sondern zahlt sich – für einige! – auch aus. Das, was dort als (teils fragmentierte) öffentliche Meinung trendet, ist allerdings ähnlich schichtspezifisch wie die massenmedial hergestellte Öffentlichkeit. Neben den technischen Möglichkeiten der Vernetzung und Partizipation, den vielen konkreten Gebrauchspraktiken und Motivationslagen, ist die Politische Ökonomie sozialer Medien entscheidend; dies nicht nur, weil kürzlich ein Konsortium um den Tesla-Gründer Elon Musk Twitter gekauft und angekündigt hat, es endlich profitabel zu machen. Die Trias aus privater Kontrolle, Profitorientierung und Überwachung vermittels algorithmischer Steuerung und Regelsetzung hat Einfluss darauf, wie der (Wissenschafts-)Diskurs geführt werden kann: So wird Aufmerksamkeit weiterhin ungleich verteilt, und sie wird möglicherweise noch ungleicher, weil sie etwa durch gesponserte Beiträge direkt gekauft werden kann. Informationen explodieren und veralten schnell. Die Kommunikation beschleunigt sich – mehr Klicks bedeuten mehr und besser verwertbare Daten – und wird dadurch tendenziell oberflächlicher. Ein Retweet ist noch keine Rezeption und ein Like noch keine Auseinandersetzung. Kommerzielle Algorithmen funktionieren eher so, dass sie vernetzte Privatmeinungen so lassen, wie sie sind. Das ist das Gegenteil von Lernen und Meinungsbildung. Ziehen wir also heute um, zu Mastodon? Dies könnte ein Schritt hin zum öffentlich-rechtlichen Internet und wirklich sozialen Medien sein. Sebastian Sevignani ist Post-Doc am Institut für Soziologie an der Universität Jena und leitet dort einTeilprojekt zu geistigem Eigentum im digitalen Kapitalismus. Über die Politische Ökonomie sozialer Medien
RkJQdWJsaXNoZXIy MjMxMzg=