Der Zielbegriff begegnet uns im Alltag in vielerlei Zusammenhängen – im Sport, am Arbeitsplatz, in Schule und Studium, wenn es darum geht, eine bestimmte Leistung zu erbringen. Sportliche Zielvorgaben, organisationale Produktivitätsziele und curriculare Lernziele setzen die Standards, anhand derer die Leistung von Individuen oder Teams bewertet wird, sie bilden aber auch ganz wesentlich die Grundlage für Wissenserwerb und Kompetenzentwicklung. Doch Ziele sind mehr als Leistungsstandards. Unsere persönlichen Ziele formen unsere Identität, geben unserem Leben Struktur und Sinn, steuern unser Verhalten, schaffen Kohärenz in der Vielfalt alltäglicher Aktivitäten und beeinflussen so unser Wohlbefinden (Brandstätter & Hennecke, 2018). Ziele sind damit ein Drehund Angelpunkt im menschlichen Leben. Ziellos zu sein ist ein belastender Zustand, der mit Orientierungslosigkeit, Leere und mangelndem Antrieb einhergeht. Ein Ziel zu haben hingegen heißt, sein Verhalten auf etwas Wünschenswertes, in der Zukunft Liegendes auszurichten – und das kann etwas kurzfristig und einfach Erreichbares (z.B. eine Erledigung machen; einen Freund besuchen), aber auch ein längerfristiges, komplexeres Vorhaben sein (z.B. eine Sprache lernen; eine Berufsausbildung absolvieren). Verbindliches Festlegen Auch Wünsche sind in die Zukunft gerichtet („wie schön wäre es doch, wenn …“), ihnen fehlt jedoch der Handlungsentschluss, den angestrebten Zielzustand aktiv und selbst gegen Widerstände erreichen zu wollen. Erst die verbindliche Festlegung auf ein Ziel (engl. commitment) setzt die vielfältigen handlungsregulatorischen (volitionalen) Prozesse frei, die die Zielrealisierung unterstützen. Damit wird es möglich, seine Kräfte zu bündeln, Konzentration, Anstrengung und Ausdauer so zu regulieren, dass die Zielerreichung gelingt. Mit der Zielsetzung geht eine kognitive Neuorientierung einher: Nach der breit gefächerten Aufmerksamkeit für verschiedenste Handlungsoptionen in der Phase des Abwägens und Entscheidens tritt nun das gewählte Ziel in den Fokus, alles, was uns vom Pfad abbringen würde, tritt in den Hintergrund und wird gewissermaßen ausgeblendet. Diese Fokussierung auf die Zielrealisierung wird unterstützt durch sog. Implementierungsintentionen, in denen die handelnde Person sich prospektiv auf günstige Gelegenheiten zur Initiierung zielführenden Handelns festlegt, die bei ihrem Auftreten quasi automatisch die Handlung auslösen und damit helfen, eine wichtige Hürde bei der Zielrealisierung zu nehmen (Gollwitzer & Sheeran, 2006). Gute-Vorsätze-Phänomen Nicht immer ist jedoch diese spezifische Form des Planens ausreichend, um eine intendierte Handlung auch wirklich auszuführen. Nur zu gut kennt man das „Gute-Vorsätze-Phänomen“, nach dem ja bekanntlich der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist, und selbst ein fester Entschluss, etwas zu tun oder anderes zu unterlassen, alsbald in Vergessenheit gerät. „Gute Vorsätze“ beziehen sich ja häufig auf Dinge, die man der Gesundheit, der Familie und Freunde, der Umwelt willen ändern möchte – mehr Sport treiben, mehr Zeit mit seinen Lieben verbringen, weniger Fleisch essen, weniger Flugreisen unternehmen usw. Nicht selten kommen diese aber unter die Räder in den Momenten, in denen ein langfristiges Ziel (Gesundheit erhalten, soziale Beziehungen pflegen, die Umwelt schonen) in Konflikt mit einem spontanen und oft heftigen Bedürfnis gerät. „Jetzt der heiße Genuss, später das langfristige Ziel, dafür ist ja immer noch Zeit…“ so geht es manchem durch den Kopf. In der motivationspsychologischen Forschung widmet man sich seit einiger Zeit sehr intensiv der Frage, welche sog. Selbstregulationsstrategien uns zur Verfügung stehen, um das eigene Zielstreben auf Kurs zu halten, wenn man sich mit Versuchungen oder Ablenkungen konfrontiert sieht. Es sind nicht nur die oben bereits erwähnten Implementierungsintentionen. Vielmehr steht der handelnden Person eine Vielzahl an Strategien zur Auswahl, die dabei helfen können, Handlungsschwierigkeiten unterschiedlichster Art (z. B. etwas Unangenehmes oder Anstrengendes für sein Ziel zu tun oder auf etwas Verlockendes zu verzichten) zu überwinden (Bürgler et al., 2021). Menschen unterscheiden sich hinsichtlich ihres Wissens zu möglichen Selbstregulationsstrategien (Hennecke & Bürgler, 2022) und auch wie gut ihnen im entscheidenden Moment ihr Einsatz gelingt. Manche schaffen es deutlich besser als andere, Versuchungen zu widerstehen, unliebsame Aufgaben anzupacken, sich von Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen und Durststrecken auszuhalten. Dies ist eng verwoben mit der Fähigkeit, seine Emotionen zu regulieren, d.h. selbstgesteuert durch positive Emotionen die Handlungsenergie zu finden, um loszulegen oder aber bei einem Misserfolg die negativen Gefühle von Enttäuschung und Frustration nicht Überhand gewinnen zu lassen (Kuhl et al., 2021). Art der Zielformulierung Doch nicht nur Merkmale der Person bestimmen über den Erfolg beim Zielstreben, es ist auch die Art der Zielformulierung, die einen Unterschied macht (für eine Zusammenfassung siehe Brandstätter & Hennecke, 2018). Zahlreiche Studien zeigen, dass Annäherungsziele (das Streben nach etwas Positivem, z. B. „die Beziehung zu meinem Partner vertiefen“) im Vergleich zu Vermeidungszielen (der Versuch etwas Unangenehmes zu vermeiden, z. B. „Konflikte mit meinem Partner vermeiden“) erfolgreicher verfolgt werden und dem Befinden zuträglicher sind. Ebenso sind 12|22 Forschung & Lehre Z I E L E 929 | V E R O N I K A B R A N D S T Ä T T E R - M O R A W I E T Z | Sich etwas vorzunehmen und es dann zu tun, ist für den Menschen weitaus mehr als das Zeigen von Leistung und das Erreichen von Standards. Persönliche, aber auch übergreifende Ziele formen die menschliche Identität und geben dem Leben Struktur und Sinn. A U T O R I N Veronika Brandstätter-Morawietz hat den Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie (Motivation) an der Universität Zürich inne. »Ziellos zu sein ist ein belastender Zustand, der mit Orientierungslosigkeit, Leere und mangelndem Antrieb einhergeht.«
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