930 Z I E L E Forschung & Lehre 12|22 konkrete Ziele, die die handelnde Person in angemessenem Maße herausfordern („Schreiben Sie vier empirische Artikel in diesem Jahr!“), weitaus günstiger für Leistung und Zufriedenheit als vage Ziele (z. B. „Zeigen Sie mal, was Sie können!“), was in vielen Managementhandbüchern unter dem Konzept „SMARTer Ziele“ abgehandelt wird. Bei der Verfolgung konkreter und herausfordernder im Vergleich zu vagen Zielen fällt es wesentlich leichter, sich Teilziele zu setzen und seine Ressourcen entsprechend einzuteilen, Fortschritte zu erkennen, was umso wichtiger ist, als Fortschritte beim Zielstreben und natürlich die Zielerreichung selbst die Quelle von Zufriedenheit und Wohlbefinden sind (Carver & Scheier, 1990). Ziele werden ferner dann erfolgreich verfolgt, wenn sie in grundlegenden affektiven Bedürfnissen der Person (sog. impliziten Motiven) verankert sind. Bei den impliziten Motiven unterscheidet man im Wesentlichen das Streben nach (a) Bewältigung von Herausforderungen und Kompetenzzuwachs (Leistung), (b) Einfluss und Verantwortung (Macht), (c) sozialem Kontakt und Bindung (Affiliation). Auch wenn wir selbstverstänlich nicht immer gemäß unseren Motiven und Bedürfnissen handeln können, so ist doch chronische Motivinkongruenz beim Zielstreben ein klarer Stressor, der das psychische und physische Wohlbefinden beeinträchtigt (Hofer & Busch, 2017). Handlungskrise Mit dem in der Motivationspsychologie lange vorherrschenden Fokus auf die Determinanten von Ausdauer beim Zielstreben geriet jedoch ein wesentlicher Aspekt aus dem Blick. Erfolgreiches Zielstreben besteht nämlich nicht nur in der ausdauernden Verfolgung von Zielen, vielmehr ist es bisweilen auch nötig, Ziele aufzugeben, wenn sie sich als unerreichbar oder zu kostenreich erweisen (Brandstätter & Bernecker, 2022). Die zentrale Bedeutung von Zielen für die Identität einer Person macht es leicht nachvollziehbar, dass die Ablösung von einem Ziel, in das man schon einiges investiert hat, langwierig und schwierig ist. Eric Klinger (1977) spricht gar von einem „psychischen Erdbeben“ (S. 137). Wiederholte Rückschläge bei der Verfolgung eines Ziels, das man selbst durch erhöhten Einsatz nicht in den Griff bekommt, münden häufig in Zweifel, ob man überhaupt noch daran festhalten soll. Diese sog. „Handlungskrise“ (Brandstätter et al., 2013) löst die positive kognitive Orientierung auf das Ziel auf, Hoffnung und Resignation halten sich die Waage, was lähmend wirkt und Befinden und Leistung beeinträchtigt. Hat man sich dann doch von einem persönlich bedeutsamen Ziel gelöst, heißt es, sich rasch neuen Dingen zuzuwenden (Wrosch & Scheier, 2020), wieder etwas zu wünschen, was zu einem Ziel werden kann. »Hat man sich dann doch von einem persönlich bedeutsamen Ziel gelöst, heißt es, sich rasch neuen Dingen zuzuwenden.« Foto: mauritius images
RkJQdWJsaXNoZXIy MjMxMzg=