chen. Wenn von vornherein feststeht, dass eine Entscheidung im Rahmen einer bestimmten Zielsetzung gefällt werden kann, dann ist es für Universitäten oder Fachhochschulen sinnvoll, genau diese Zielsetzung möglichst stark zu machen und ihre Ressourcen dort zu konzentrieren. Nicht nur Universitäten und Fachhochschulen stehen jedoch, wenn man den Beobachtern glauben mag, immer mehr vor der Herausforderung, mit schnellem und radikalem Wandel auf wechselnde Umweltbedingungen zu reagieren. Eine enge Zielsetzung schränkt die Möglichkeiten, mit denen auf die sich rasch ändernden Umweltbedingungen reagiert werden kann, so stark ein, dass viele gangbare Lösungen gar nicht erst in Erwägung gezogen werden. Wie durch ein Brennglas kann man dieses Problem bei Organisationen sehen, die ihre Identifizierung mit einer bestimmten Zielsetzung sogar in ihrem Namen festschreiben. Eine Beratungsfirma, die nach innen und nach außen Zielklarheit dadurch symbolisieren will, dass sie sich durch ihren Firmennamen als „Agility Specialist“ präsentiert, könnte auf dem Höhepunkt der Agilitätswelle davon profitieren. In dem Moment, in dem die Agilitätswelle in Organisationen abebbt, würden sich aber wohl nicht wenige Firmen wünschen, dass sie die Agilität in ihrer Unternehmensdarstellung nicht allzu stark gemacht hätten. Wenn die Firma mit den vier Pünktchen in ihrem Firmenzeichen ihre vier Sparten Medizin, Pharma, kosmetische Pflege und Klebestoffe symbolisieren will und Selbiges nach außen auch kommuniziert, entsteht gegenüber Kunden und Mitarbeitern Erklärungsbedarf, wenn der medizinische Zweig plötzlich abgestoßen wird und das Logo eigentlich nur noch aus drei Pünktchen bestehen müsste. Zufälliges Resultat des Wucherns Es wird deutlich, dass in turbulenteren Zeiten Organisationen ohne klare Ziele erfolgreicher sein könnten als Organisationen, die mit präzise definierten Zielkaskaden arbeiten. Gerade weil man keine bestimmte Absicht hat, eröffnet sich dem Witterungsbegabten ein Ziel ums andere. Vermutlich sind Universitäten – gerade im Vergleich zu Unternehmen, Krankenhäusern, Verwaltungen, Armeen und Schulen – der Organisationstypus, an dem man am besten sehen kann, warum man Organisationen nicht allzu stark auf übergeordnete Ziele festlegen sollte. Vieles, was an grundlegenden wissenschaftlichen Erkenntnissen an Universitäten entsteht, ist – um ein etwas blumiges Bild des Organisationswissenschaftlers Henry Mintzberg zu verwenden – nicht das Ergebnis eines von oben geplanten Züchtungsprozesses in einem Treibhaus, sondern eher das zufällige Resultat des Wucherns sehr unterschiedlicher Wildpflanzen auf einer Wiese. Aus dieser Perspektive scheint es fast ein Glücksfall, dass sich Universitäten und Fachhochschulen – allen Bemühungen einer zunehmenden Zentralisierung zum Trotz – nie eindeutigen Zielbestimmungen fügen werden. Vom Autor ist gerade erschienen „Der ganz formale Wahnsinn. 111 Einsichten in die Welt der Organisationen“ (Vahlen). 12|22 Forschung & Lehre Z I E L E 933 Foto: mauritius-images
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