Forschung & Lehre 12/2022

934 Z I E L E Forschung & Lehre 12|22 Komplexes Gefüge Die Hochschule als Koalition von Individuen und Anspruchsgruppen Hochschulen haben Leitbilder und Hochschulentwicklungspläne mit sorgfältig ausformulierten Zielen. Diese sind in der Regel Resultat formalisierter Diskursprozesse in Gremien und darüber hinaus, zum Beispiel mit Ministerien. Häufig bleiben Zielbeschreibungen abstrakt, denn dann sind sie konsensfähig. Ihre Erreichung ist in der Abstraktheit schwer überprüfbar; die ganze Hochschule dann auch relativ schlecht „steuerbar“ – anders als ein Unternehmen, in dem sich Shareholder und Management konkrete Umsatzund Marktanteilsziele vornehmen und deren Erreichung messen können. Warum geht das bei Hochschulen nicht? Warum sind auch Zielvereinbarungen für Hochschulen oft vor allem als Anlass zu Diskursen, nicht aber als Steuerungsinstrument im engeren Sinne hilfreich? Grund eins liegt in der Natur der Sache: Wenn wir in der Forschung vorher genau wüssten, was als Ergebnis herauskommen soll, könnten wir es auch lassen – in der Wissenschaft arbeiten wir mit Zielen, die wir nicht planen können bzw. nicht planen wollen. Schließlich geht es um die ergebnisoffene Wahrheitssuche. Ergo hat die Exaktheit der Zielplanung Grenzen. Grund zwei liegt in der Verfassung des Wissenschaftssystems: Hochschulen agieren in einem komplexen Gefüge aus verschiedenen Anspruchsgruppen, und jede einzelne sieht sich ihrerseits wieder mit zahlreichen internen und externen Anforderungen konfrontiert. Entsprechend vielfältig sind die Ziele, die die Akteurinnen und Akteure innerhalb der Hochschulen als Einzelne oder Gruppen auf den unterschiedlichen Ebenen verfolgen, und es bilden sich Zielsysteme und Zielhierarchien, bei denen ständig Abwägungen und Priorisierungen angesichts knapper Ressourcen ausgehandelt werden. Es lohnt der Versuch, sich daraus ergebende Spannungsfelder zu beschreiben, unter deren Einfluss die Zielverfolgungsprozesse von Hochschulen als Organisation stehen. So lästig Interessenvielfalt und -divergenzen als Quelle potenzieller Konflikte mitunter aus Sicht der Hochschulleitung erscheinen mögen, so sehr kann doch genau diese Vielfalt zugleich Quelle gesellschaftsdienlicher wissenschaftlicher Kreativität sein, von der die Hochschule lebt. Wahrheitssuche und Bildung als Oberziele Ein für Leitbilder beliebtes, abstraktes Oberziel ist die Suche nach Wahrheit. Geschützt vom Grundgesetz, das die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre garantiert, sind Hochschulen Orte der Erkenntnis- und Wahrheitssuche. Diese Freiheit kommt durch bestimmte Merkmale qualifizierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu, nämlich der Statusgruppe der Professorinnen und Professoren – also nicht allen. Dabei bezieht sich Freiheit auf die gesamte Fächerbreite und -tiefe: von der Grundlagenforschung bis zum Anwendungsprojekt. Wissenschaftliche Erkenntnisprozesse brauchen die gesamte „Erkenntniskette“. Aus der grundsätzlichen Anwendungsintention ergibt sich das zweite in der Regel unstrittige, typische Ziel des Leitbilds: die Vermittlung von Bildung. Wissenschaft will sich in der Gesellschaft als Problemlöserin wiederfinden. Dabei helfen die Studierenden als Multiplikatoren. Insofern werden Forschung und Lehre als komplementär gesehen (vgl. Wolff et al. 2022). Bildung soll Menschen befähigen, als mündige und mitgestaltende Mitglieder zukunftsfähiger Gesellschaften zu leben. Bildung bedeutet Orientierungswissen; die Fähigkeit, eine Landkarte – bildlich für die Theorie – zu verstehen und zu nutzen, die andere als Orientierungshilfe womöglich über lange Zeiträume entwickelt haben. Für ganz viele Themenfelder in einer sich immer weiter ausdifferenzierenden Welt und Wissenslandschaft gibt es derartige Landkarten, ebenso wie es sich immer | B I R G I T T A W O L F F | Ziele für Hochschulen zu entwickeln ist und bleibt eine Herausforderung für alle Beteiligten inWissenschaft, Verwaltung und Politik: Unterschiedlichste Wünsche, Erwartungen und Forderungen stehen in einem dynamischen Spannungsverhältnis zueinander. Doch was können und sollten Ziele der Hochschulen überhaupt sein? A U T O R I N BirgittaWolff ist Wirtschaftswissenschaftlerin und Rektorin der Bergischen Universität Wuppertal. »Es bilden sich Zielsysteme und Zielhierarchien, bei denen ständig Abwägungen und Priorisierungen ausgehandelt werden.« Foto: Michael Mutzberg

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