936 Z I E L E Forschung & Lehre 12|22 „Manchmal hat das Leben einfach andere Pläne...“ Stimmen aus der Wissenschaft zu Zielen im Leben Aus Misserfolgen lernen Ich komme aus der Slowakei und studiere als Zweitstudium Erziehungswissenschaft in Köln, wo ich seit drei Jahren lebe. Es ist mir sehr wichtig, mir Ziele zu setzen. Ziele schaffen nicht nur eine Orientierung im Alltag, sondern strukturieren auch die langfristige Zukunft. Wenn ich mir etwas vornehme, überlege ich mir, welche Schritte erforderlich sind, um mein Ziel zu erreichen. Dann mache ich einen Plan für die Erfüllung der einzelnen Schritte. Ohne eine klare Zielsetzung würde ich im Leben nicht wissen, was ich anstrebe und was ich dafür tun muss. Mein Ziel in meinem Bachelorstudium ist es, mir die Inhalte gut anzueignen und sie in die Praxis bestmöglich umzusetzen. Ich bin fest davon überzeugt, dass man auf diese Weise das eigene soziale Umfeld positiv beeinflussen kann. Es ist mir gleichzeitig wichtig, auch praktische Erfahrungen über das Studium hinaus zu sammeln. Außerdem liegt mir sehr am Herzen, mein Handeln zu reflektieren, aus Fehlern zu lernen und mich für andere einzusetzen. Meiner Meinung nach spielt das soziale Engagement nicht nur im Beruf, sondern auch darüber hinaus, zum Beispiel als ehrenamtliche Tätigkeit, eine große Rolle für die Zukunft. Schließlich möchte ich noch darauf eingehen, was mich beflügelt und was mich beschwert, um meine Ziele zu erreichen. Mich motiviert vor allem mein Glaube an Gott und meine Überzeugung, dass das Leben und das Handeln von jedem Einzelnen einen großen Einfluss auf die Anderen hat. Das heißt, dass wir uns entscheiden können, andere in einer positiven Weise zu beeinflussen. Darüber hinaus motiviert mich, mich daran zu erinnern, warum ich so handle, wie ich handle, und welchen Einfluss meine Entscheidungen und Tätigkeiten auf mein Leben haben. Es gibt auch Faktoren, die es mir erschweren, meine Ziele zu erreichen. Zu diesen gehören fehlende Motivation oder Fehlschläge. Misserfolge können sehr entmutigend auf mich wirken. Es ist für mich, aber auch für alle anderen, wichtig, auf dem richtigen Weg zu bleiben, aus Misserfolgen zu lernen und sie zu akzeptieren, denn sie sind Teil des lebenslangen Lernprozesses. Diesem kann meiner Meinung nach sogar eine größere Bedeutung beigemessen werden als den Zielen selbst. ! Ludmila Sefrankova studiert im ersten Semester den Bachelorstudiengang Erziehungswissenschaft an der Universität zu Köln. Zufriedener und demütiger Auch in meinem Leben spielen Ziele eine Rolle. Doch ich verstehe sie als Konjunktiv. Als Punkt in meinem Koordinatensystem, der bei der Orientierung hilft, aber nicht zwangsläufig erreicht werden muss. Die Phase als junger Assistenzarzt auf der Palliativstation des Universitätsklinikums Bonn zeigte mir eindringlich, das Leben verläuft oft anders als geplant. In den Gesprächen mit unheilbaren Patientinnen und Patienten wurde mir schnell klar: Es reicht nicht aus, den Sinnspruch „Carpe diem“ auf dem T-Shirt zu tragen, denn natürlich geht es auch um Ziele, aber manchmal hat das Leben einfach andere Pläne. Doch was kommt eigentlich nach dem Erreichen eines Ziels oder gar biografischen Meilensteins? So habe ich zum Beispiel, durch meine Berufung zum Professor, im akademischen Kosmos fast alles erreicht. Und jetzt? Selbstzufriedenheit und Dienst nach Vorschrift? Natürlich nicht. Denn meine neue Position verleiht mir ja erst die Freiheit, Dinge anders zu machen. Viele aus Abhängigkeiten entstandene Zwänge, die mich schon während meines eigenen Studiums störten, haben endlich ihre Wirkkraft verloren. Nun will ich mich nicht auf meinen Lorbeeren ausruhen, sondern gemeinsam mit engagierten Mitstreiterinnen und Mitstreitern sowohl die Medizin als auch die universitäre Lehre weiterentwickeln. Durch die Stärkung eines transparenten, interdisziplinären Austauschs möchte ich außerdem – unterstützt durch innovative Technologien und wachsende Digitalität – den Boden für schnellere und hoffentlich auch immer wieder bahnbrechende Erfolge bereiten. Aber zurück zu meiner so prägenden Zeit auf der Palliativstation: Menschen am Lebensende berichten nicht selten wehmütig oder gar verzweifelt von unerreichten Zielen. Ein Patient, nur unwesentlich älter als ich, stellte mir einmal aus heiterem Himmel – wir hatten vorher über Musik gesprochen – die Frage: „Was würden Sie denn tun, wenn heute Ihr letzter Tag wäre?“. Eine Erfahrung, die mich rückblickend in ihrer Einfachheit und Wucht sehr geerdet hat und deren damit verbundenes Bewusstsein der eigenen Endlichkeit mir heute dabei hilft, kleinere, flexible Etappenziele zu definieren, die mich zufriedener und demütiger machen. Ob es mir gelungen sein wird, dieser Philosophie treu zu bleiben, werde ich hoffentlich an meinem eigenen Lebensende selbstbewusst bestätigen können. ! Professor Martin Mücke ist Direktor des Instituts für Digitale Allgemeinmedizin an der Universitätsklink RWTH Aachen und Vorstandssprecher des Zentrums für Seltene Erkrankungen Aachen (ZSEA).
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