938 Z I E L E Forschung & Lehre 12|22 Warum ist es so schwer, Krebs zu heilen? Über Forschungsziele und ihre Erreichbarkeit Nach wie vor sterben viel zu viele Menschen an Krebs – in Deutschland sind es jeden Tag ca. 600 und jedes Jahr mehr als 220 000 Menschen. Krebs ist damit nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die zweithäufigste Todesursache. Fast jede und jeder Zweite erkrankt im Laufe seines Lebens an Krebs, das sind aktuell 500 000 Neuerkrankungen pro Jahr. Es wird projiziert, dass aufgrund demografischer Faktoren wie steigendem Lebensalter und Lebensstilfaktoren die Anzahl der Neuerkrankungen bis 2040 um weitere 20 Prozent steigen wird. Das sind schockierende Zahlen und Motivation für Initiativen wie „Vision Zero“, das Ziel zu formulieren, dass keine Patientin und kein Patient mehr an Krebs sterben soll. Auch die Bundesregierung unterstützt die Krebsforschung und -behandlung mit der 2019 ausgerufenen „Nationalen Dekade gegen Krebs“. Mit dieser einzigartigen Initiative gibt es ein nie dagewesenes Momentum und finanzielle Unterstützung, Strategien zur Heilung von Krebs zu entwickeln. Noch besser wäre es allerdings, wenn Krebs gar nicht entstehen würde – aktuelle Schätzungen ergeben, dass 40 Prozent aller Krebserkrankungen durch primäre Prävention zu verhindern wären. Wichtige Risikofaktoren sind Rauchen, hoher Alkoholkonsum, ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel und Umweltgifte wie Radon und Feinstaub. Berücksichtigt man das nicht ausgeschöpfte Potenzial von Früherkennung, wie z.B. Darmspiegelungen, steigt der Anteil der vermeidbaren Krebserkrankungen auf mehr als 50 Prozent. Aufgrund dieser immensen Bedeutung ist die Krebsprävention eine zentrale Priorität der „Nationalen Dekade gegen Krebs“ und wichtiger Förderorganisationen wie der Deutschen Krebshilfe (DKH). In Heidelberg entsteht gerade das „Nationale Krebspräventionszentrum“ im Rahmen einer langfristig angelegten Partnerschaft zwischen dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und der DKH. Hier wird es erstmalig möglich, die gesamte Wertschöpfungskette der Prävention von molekularer Grundlagenforschung und klinischen Studien bis hin zu einer Präventionsambulanz zur Entwicklung personalisierter Präventionsstrategien für Patientinnen und Patienten unter einem Dach zu erforschen. Damit wird der außerordentlichen Bedeutung der Prävention Rechnung getragen und es besteht großes Potenzial, die Anzahl von Krebsneuerkrankungen dadurch deutlich zu vermindern. Herausforderungen in der Krebsforschung Warum ist es so schwer, Krebs zu heilen? Ein Grund ist, dass Krebs häufig zu spät und erst im metastasierten Stadium erkannt wird. Deswegen liegt ein wichtiger Schwerpunkt der Forschung auf der Weiterentwicklung der Krebsfrüherkennung. Hier haben mehrere große Studien wie die NLST, NELSON und LUSI eine deutliche Senkung der Lungenkrebsmortalität gezeigt, wenn durch Rauchen vorbelastete Patientinnen und Patienten regelmäßig mittels Niedrigdosis-CT ihrer Lunge untersucht und deswegen Erkrankungen in früheren Stadien diagnostiziert wurden. Diese Ergebnisse haben dazu geführt, dass diese Screeningmethode in die Leitlinien aufgenommen wurde und in naher Zukunft in die klinische Praxis umgesetzt wird. Da Lungenkrebs die häufigste Krebstodesursache bei Männern und Frauen ist, ist das ein wichtiger Schritt hin zu dem Forschungsziel, Krebserkrankungen zu dezimieren. Da alle Krebserkrankungen zelluläre und lösliche Bestandteile ins Blut abgeben, ist auch die sogenannte „Liquid Biopsy“ ein sehr aktiv beforschtes Gebiet zur Krebsfrüherkennung. Hier zeigen aktuelle Arbeiten, dass es möglich ist, Krebserkrankungen mit hoher Genauigkeit in Bezug auf ihren Gewebeursprung im Blut zu erkennen (sog. Galleri®-Test). Allerdings hängt die Empfindlichkeit der Methode mit der im Körper vorhandenen Tumormasse | S O N J A L O G E S | Die Krebsforschung macht rasant und kontinuierlich Fortschritte und ist bislang doch nie an das Ziel gekommen, Krebs gänzlich zu heilen.Wo gerät die Forschung aktuell an ihre Grenzen, wo sind noch Hürden zu meistern und wo naht bereits die Ziellinie? Eine Zusammenfassung des Status quo. A U T O R I N ProfessorinSonja Loges ist Ärztliche Direktorin der Abteilung Personalisierte Onkologie und Leiterin des DKFZ-Hector Krebs-instituts an der Universitätsmedizin Mannheim. »Ein wichtiger Schwerpunkt der Forschung liegt auf der Krebsfrüherkennung.«
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