Forschung & Lehre 12/2022

946 F U S S B A L L - W E L T M E I S T E R S C H A F T Forschung & Lehre 12|22 Goldener Zirkel ständigenWachstums Über Geld und Politik bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar Es war zunächst nur die schiere Absurdität der Entscheidung, die zu dem geführt hat, was wohl jetzt schon als historischer Einschnitt bezeichnet werden kann. Als Sepp Blatter, der damalige Präsident des Weltverbandes FIFA, im Jahr 2010 einen Umschlag öffnete und verkündete, wo die Weltmeisterschaft 2022 ausgetragen werden sollte, schien er selbst zu staunen. Denn das nach den Olympischen Spielen größte Sportereignis der Welt würde tatsächlich in einem Emirat am Arabischen Golf stattfinden, das ungefähr so groß ist wie SchleswigHolstein, so viele Einwohner wie Berlin hat und soviel Staatsbürger wie Karlsruhe Einwohner, nämlich rund 300 000. Angeblich sollte man in Katar trotz Temperaturen von weit über 40 Grad im Sommer in klimatisierten Stadien spielen können. Zumindest das wurde fünf Jahre später korrigiert, so dass nun zum ersten Mal überhaupt eine Fußball-Weltmeisterschaft zum Jahresende und nicht im Juni oder Juli stattfindet. Die Krise des Jahres 1992 Das Turnier in Katar ist Höhepunkt einer Entwicklung, die vor 30 Jahren begann. 1992 kam der Fußball aus einer tiefen Krise, als die Champions League gegründet wurde, heute der erfolgreichste Wettbewerb im Vereinsfußball. Zur gleichen Zeit wurde die englische Premier League aus der Taufe gehoben, die inzwischen weltweit sowohl sportlich wie auch wirtschaftlich dominierende nationale Liga. Ihre ungeheure Kraft entwickeln konnten diese Innovationen nur, weil damals ein Fernsehmarkt entstand, mit neuen Privatsendern via Satelliten oder Kabel. Ein Weg für sie, um ein Publikum zu finden, waren Fußballübertragungen. Damit kam ein goldener Zirkel ständigen Wachstums in Gang, denn das Fernsehen machte den Fußball immer größer und wertvoller. Das ist der zentrale Mechanismus des Zeitalters des modernen Fußballs. Der Sport wurde attraktiv fürs Publikum, für Sponsoren – und für Staaten. Der Fußball als Ware Dass dabei im Fußball aber alles auch zur Ware wurde, ob Spieler, Vereine und letztlich sogar Weltmeisterschaften, hat bei vielen Fans für ein Gefühl der Entfremdung gesorgt. Dass Katar trotz der schlechtesten Bewerbung den Zuschlag für 2022 bekam, lag daran, dass es die Entscheider korrumpiert hatte. Das Emirat tat das aus geopolitischen Überlegungen, denn vor allem vom großen Nachbarn Saudi-Arabien fühlte sich Katar bedroht – zu Recht, wie sich Mitte 2017 zeigte. Da brachen die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Ägypten und eben Saudi-Arabien die diplomatischen Beziehungen mit Katar ab und blockierten die Handelswege. Sie warfen Katar zu enge Beziehungen zum Iran und die Unterstützung terroristischer Organisationen vor. Erst Anfang 2021 wurde die Krise gelöst. Die WM sollte aber nicht nur Katars Sichtbarkeit und damit Sicherheit erhöhen, sie ist auch Teil einer Strategie, sich auf die Zukunft nach dem Zeitalter der fossilen Energien vorzubereiten. Irgendwann wird auch das katarische Gasfeld ausgeschöpft sein, und bis dahin will sich das Land als Ausrichter hochrangiger Sportereignisse profiliert haben und als Reiseziel für die Reichen der Welt. Nun richten Länder große Sportereignisse generell deshalb aus, um sich der Welt positiv zu präsentieren. Die Sommermärchen-WM 2006 in Deutschland war die vielleicht erfolgreichste Werbemaßnahme in der Geschichte des Landes. In Katar wird eine WM auch nicht das erste Mal politisch instrumentalisiert. Das war schon beim zweiten Turnier der Fall, 1934 nutzte Mussolini es zu einer Leistungsschau des faschistischen Italiens. Doch die Vergabe an Katar (und rückblickend auch die an Russland) hatten eine andere Qualität, denn die beiden Turniere wurden von Beginn an gezielt politisch instrumentalisiert. Außerdem sollte der Fußball darüber hinwegtäuschen helfen, dass im autokratischen Katar Grund- | C H R I S T O P H B I E R M A N N | Der professionelle Fußball hat sich in den letzten Jahrzehnten gravierend verändert: Spiele, Vereine und auch Weltmeisterschaften wurden zur Ware, was vielfach zur Entfremdung der Fußballfans führte. Eine Analyse aus Sicht eines Sportreporters. »Das Turnier in Katar ist Höhepunkt einer Entwicklung, die vor 30 Jahren begann.« A U T O R Christoph Biermannist Reporter beim Fußballmagazin 11FREUNDE.

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