948 F U S S B A L L - W E L T M E I S T E R S C H A F T Forschung & Lehre 12|22 Wenn viel Geld mitspielt Katar als Gastgeberland der Fußball-Weltmeisterschaft Der Ball rollt, die Fußball-Weltmeisterschaft läuft — in der Vorweihnachtszeit, in der Wüste, in Stadien, die gewissermaßen auf den Gräbern tausender Gastarbeiter errichtet wurden, in einer Gastgebernation, die „eines der kleinsten Länder der Welt ist, kaum eine Fußballgeschichte hat und wo normalerweise sengende Hitze herrscht“, wie es die Sportsoziologen Paul Michael Brannagan und Richard Giulianotti zusammenfassen. Wie konnte die WM bloß am Persischen Golf landen, wieso ausgerechnet in Katar? Tatsächlich gibt sich dort seit zwei Jahrzehnten die internationale Sportelite die WM-Klinke in die Hand, darunter die Besten im Tischtennis, Gewichtheben, Schwimmen, Handball, Amateurboxen, Radsport und Turnen. Die größten Ereignisse bisher waren die Asienspiele 2006 sowie die Leichtathletik-WM 2019. Doch weshalb wurde das kleine Land abseits der etablierten Sporthochburgen immer interessanter für die bestimmenden Leute in den Weltverbänden des Sports? Spätestens seit den 2000er Jahren hörte man gerade aus den klassischen Sportnationen des Westens immer lautere Kritik an der Gigantomanie von Großveranstaltungen: Man störte sich an hohen Kosten für die von den Verbänden geforderten Sportstätten, an mit Baumaßnahmen einhergehender Verdrängung und Umweltzerstörung, an mangelnder Nachhaltigkeit. Solche Kritik wird man vom Golf dagegen nicht hören. Durch die Erdgaseinnahmen gehört Katar zu den reichsten Ländern der Erde, sodass Geld für den Neu- oder Umbau von Sportstätten schlicht keine Rolle spielt. Ein Ort wie Doha hat sich in wenigen Jahrzehnten von einer fast dörflichen Kleinstadt zur Metropole mit Wolkenkratzern entwickelt. Gebaut wird hier ohnehin die ganze Zeit – ob neben den neuen Hochhäusern und Shoppingmalls auch noch Stadien entstehen, macht keinen großen Unterschied. Der verstorbene Stararchitekt Ieoh Ming Pei, der das Museum für Islamische Kunst dort entworfen hat, äußerte sich daher begeistert über die katarische Hauptstadt: „Die Schönheit dieses Ortes besteht darin, ihn zu formen.“ Keine geschützten Altstädte, keine Verdrängung von Wohnvierteln: Katar zeigt der Welt gerne, dass es alles möglich machen kann, nicht nur klimatisierte Stadien und sattgrüne Golfplätze mitten in der Wüste – sondern sogar Wintersport bei 40 Grad Außentemperatur, wie in der Eishockeyarena von Doha. Gleichzeitig wird das Emirat autoritär regiert, eventuelle kritische Fragen, etwa nach dem Sinn von Eisflächen in der Wüste, können in der Öffentlichkeit gar nicht formuliert werden. Ohnehin werden soziale Kosten, die im Zuge einer WM entstehen, hier auf die ausländischen Arbeitskräfte abgewälzt, die keine Stimme haben. Für manchen Sportverband kamen die Bewerbungen vom Persischen Golf sehr gelegen in einer Zeit, wo internationale Großevents in demokratischen Staaten immer misstrauischer beäugt wurden. „Manchmal ist weniger Demokratie bei der Planung einer WM besser“, gab in diesem Sinn etwa Jérôme Valcke freimütig zu, der frühere Generalsekretär des Weltfußballverbands FIFA. Die Marke Katar Was aber hat Katar davon – wo Großveranstaltungen doch bekanntermaßen ein Zuschussprojekt sind? Die WM ist Teil einer Strategie des nation branding, das heißt, sie soll helfen, die Nation Katar gewissermaßen als globale Marke zu etablieren. Wenn man als Deutscher in der arabischen Welt unterwegs ist, wird man häufig auf die deutsche Autoindustrie, deutsches Ingenieurwesen oder auch deutschen Fußball angesprochen – mit Deutschland können die meisten Menschen sofort etwas verbinden, es funktioniert in diesem Sinn als weltweit bekannte „Marke“. Der Emir von Katar und seine Regierung zielen nun darauf ab, dass das auch umgekehrt klappt, dass man in Deutschland und möglichst auf der ganzen Welt sofort eine bestimmte Vorstellung im Kopf hat, wenn man „Katar“ hört. Eine solche „Marke“ zu werden, bringt gerade | J A K O B K R A I S | Die Fußball-Weltmeisterschaft findet in Katar statt. Doch was soll sie dort, wo Breitensporttradition und Fankultur ebenso fehlen wie Frauen- und LGBTQ+-Rechte? Arabischer Fußball und seine Fans finden sich derweil anderswo. »Die WM soll helfen, die Nation Katar als globale Marke zu etablieren.« A U T O R Jakob Krais ist Inhaber der Professur für Neuere und Neueste Kulturgeschichte Nordafrikas an der Universität der Bundeswehr München.
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