12|22 Forschung & Lehre F U S S B A L L - W E L T M E I S T E R S C H A F T 949 kleinen Ländern soft power: Auch wenn sie von Hause aus nicht unbedingt militärische oder wirtschaftliche Stärke mitbringen, können sie durch „weiche“ Bereiche wie Sport oder Kultur dennoch politischen Einfluss nehmen, zumal als Destination für Eliten. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass diese Strategie auch schnell ins Gegenteil umschlagen kann und dann zu soft disempowerment führt. Damit ist gemeint, dass die Aufmerksamkeit, die Katar durch die WM bekommt, sowohl positiv als auch negativ sein kann. Im Sinne des nation branding verbinden nun die meisten Menschen etwas mit dem Emirat – aber eben nicht nur unbedingt neue, schicke Stadien, sondern auch rechtlose Arbeitskräfte, die diese Stadien unter menschenunwürdigen Bedingungen gebaut haben. Das Streben nachsoft power gepaart mit den Interessen der Verbände erklärt, wieso Sportveranstaltungen mittlerweile ständig am Golf stattfinden, obwohl dort eine Breitensporttradition oder Fankultur fehlt. Katar ist tatsächlich seit den 1930er Jahren das erste Austragungsland einer Fußball-WM, das zum ersten Mal überhaupt an einer Endrunde teilnimmt, sich also noch nie sportlich qualifizieren konnte. Fußball in der arabischen Welt Der WM-Gastgeber hat keine Fußballtradition — das gilt allerdings nicht für den arabischen Raum insgesamt. In Ägypten etwa wird schon genau so lange gekickt wie in Deutschland, seit britische Händler und Soldaten im 19. Jahrhundert das runde Leder im Gepäck hatten. Bereits vor 111 Jahren stand der erste arabische Spieler bei einem europäischen Profispiel auf dem Platz: Der Ägypter Hussein Hegazi studierte 1911 in England und spielte nebenbei für den FC Fulham. Seitdem entwickelte sich das Land am Nil zur fußballverrückten Nation, die Superstars wie Mohamed Salah ebenso hervorbrachte wie eines der heißesten Derbys der Welt: Al-Ahly gegen Zamalek war über Jahrzehnte das Fußballereignis in der ägyptischen Hauptstadt, welchen Verein man unterstützte, eine Glaubensfrage. Erst 2011 fanden die verfeindeten Fangruppen plötzlich zusammen — und halfen, Langzeitherrscher Hosni Mubarak zu stürzen. Da die Kairoer Ultras im „Arabischen Frühling“ an der Spitze der Revolution gestanden hatten, ging das Regime von Abdelfattah al-Sisi schließlich mithilfe von Antiterrorgesetzen gegen sie vor und verbannte praktisch alle Zuschauenden aus den Stadien. Dagegen sind Fußballfans in Algerien bis heute politisch aktiv. Dort ist das Stadion schon lange zu „einem demokratischen und politischen Diskussionsplatz geworden“, so der Politologe Youcef Fatès, wo man Dinge ruft, die man normalerweise in einem autoritären System kaum flüstern würde. In Algerien hatte der Fußball schon früh sein emanzipatorisches Potenzial gezeigt: Während der französischen Kolonialherrschaft entwickelte sich der von den Kolonialherren eingeführte Sport schnell zum Mittel des Widerstands. Im Jahr 1958, mitten im Unabhängigkeitskrieg, bildete sich sogar eine erste algerische Nationalmannschaft aus in Frankreich spielenden Profis, die ihre lukrativen Vereinsverträge aufgaben, um als Botschafter der Unabhängigkeit um die Welt zu touren. Fußball und Emanzipation Der Fußball birgt auch in der arabischen Welt also immer ein widerständiges Potenzial, das sollte man nicht vergessen, auch wenn wir momentan eher über die mangelnden Rechte für Arbeitskräfte, LGBTQ+-Personen und Frauen auf der Arabischen Halbinsel sprechen. Ausgerechnet hier stehen jetzt erstmals weibliche Schiedsrichterinnen bei einer Männer-WM auf dem Platz, darunter die Französin Stéphanie Frappart, die sich in Europa bereits einen Namen gemacht hat. Außerhalb Europas war die erste Frau, die bei den Männern pfiff, übrigens 2019 die Tunesierin Dorsaf Ganouati. In Tunesien und Nordafrika generell sind Fußball spielende Frauen schon seit langem nichts Besonderes mehr. Aber selbst in den konservativen Golfstaaten tut sich etwas: Die saudischen Fußballerinnen, die seit Jahrzehnten dafür kämpfen, ihrem Sport nachgehen zu können, wurden vor einem Jahr mit der Gründung der ersten weiblichen Nationalmannschaft belohnt. Auch wenn das noch keine feministische Revolution ist, wie auf der anderen Seite des Persischen Golfs, in Iran, kann das Spiel mit dem runden Ball in einem „völlig maskulinen Staat“ (so die Sozialwissenschaftlerin Madawi Al-Rasheed) wie Saudi-Arabien das Patriarchat vielleicht zumindest ein bisschen herausfordern. Jenseits der Entwicklungen in Westasien und Nordafrika wird auch der europäische Fußball über das Finale am vierten Advent hinaus arabisch geprägt bleiben: „Fly Emirates“ werden uns weiterhin die Trikots der Spitzenklubs aus London, Madrid und Mailand auffordern, die die Airline sponsert. Mit Geld vom Golf werden die neureichen Topteams Manchester City, Newcastle United und Paris St. Germain (PSG) die Transfersummen weiter in astronomische Höhen schrauben. Der katarische Minister und persönliche Freund sowie Tennispartner des Emirs Nasser al-Khelaifi wird als Boss von PSG, Medienunternehmer und Chef der Europäischen Klubvereinigung weiter die Fäden ziehen — auch nach der WüstenWM bleibt der „einflussreichste Mann im Weltfußball“ (France Football) ein Katari. 2021 ist vom Autor das Buch „Spielball der Scheichs. Die WM in Katar und der arabische Fußball“ bei Die Werkstatt erschienen. P A T E A T O M A R P L A G I A T E V A L U A T I O N A N M U T Q U A L I T A E T E S Z E T E R L L U K R A T I V N T S P U R S T A U B A L I R I G O R O S U M L A E U S E K I T E K E L E R R E G E R B E T T O E D I P U S L I E B R E I Z E N D E N O A H M A R C S A B B A T J A H R P L A U S C H K R A U T S A L A T G R A S D E Z E R N A T H A B M I E S S G R I T N L Lösung Enigma S. 999
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