954 G E S E L L S C H A F T U N D M I G R A T I O N Forschung & Lehre 12|22 Flüchtlingskrise 2.0? Ein Blick auf Deutschland als Aufnahmeland im Jahre 2022 Die Fluchtbewegungen, die vor allem im Laufe des Jahres 2015 über die Balkanroute auch Deutschland erreichten, werden in der Rückschau vielfach als „langer Sommer der Migration“ verklärt. Im Jahr 2022 ist nun alles anders, aber doch nicht neu. Zu den aktuell wieder signifikant steigenden Zahlen Geflüchteter insbesondere aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und der Türkei sind es die schätzungsweise eine Million ukrainischen Geflüchteten, die dem Thema Flucht und Geflüchtetenaufnahme eine erneute Aufmerksamkeit im öffentlichen Diskurs zusichern. Überall Déjà-vu Vieles gleicht dabei einem Déjà-vu: Die aufnehmenden Kommunen klagen, von Bund und Land nicht ausreichend unterstützt zu werden. Erneut ist die Zivilgesellschaft als Erstes einsatzbereit, mit spontan organisierten Ankunftszentren auf den großen Bahnhöfen, Sachspenden, Feldküchen und einer Übernachtungsbörse. Und wie 2015 hört man hier die (berechtigte) Klage, der Staat ruhe sich auf dem Engagement der Ehrenamtlichen aus. Da die Aufnahme ukrainischer Geflüchteter in ganz Europa anfangs nach dem Selbstverteilungsprinzip funktionierte und viele bei Freunden, Verwandten und auch bei völlig unbekannten Quartiergeberinnen und Quartiergebern unterkamen, blieb das Thema erstaunlich lange unterhalb des Radars der öffentlichen Diskurse. Doch mit dem Herbsteinbruch nimmt der öffentliche Diskurs an Fahrt auf, angeregt durch Energiekrise und Inflation, der zunehmenden Enge in den von Deutschen und Ukrainern geteilten Wohnungen, dem Beginn des Schuljahres mit einer Vielzahl von neu eingeschulten geflüchteten Kindern und der Erkenntnis, dass mit der Ankunft von einer Million Menschen sich zwangsläufig auch Gegebenheiten im Aufnahmeland verändern. Und damit tritt mit einiger Verzögerung also auch hier ein Déjà-vu ein, diesmal zur Frage der „deservingness“ ukrainischer Geflüchteter: Politiker-Klagen über den angeblich missbräuchlichen Bezug von Sozialtransferleistungen, verbunden mit hinter vorgehaltener Hand geäußerter Kritik an einem allzu anspruchsvollen Auftreten von ukrainischen Geflüchteten, da die Aufnahmegesellschaft von den Aufgenommenen offensichtlich mehr Demut verlangt. Dennoch ist einiges auch anders als 2015. Wie wir es geschafft haben: Ein Rückblick Nachdem etliche Jahre die Asylantragszahlen in Deutschland kaum die 100 000er-Marke überschritten hatten, markierte die Ankunft von rund 890 000 Geflüchteten im Jahr 2015 einen nie dagewesenen Höhepunkt. Er traf die Aufnahmesysteme unvorbereitet. Bereits Ende 2014 wurden Quartiere knapp, doch ab Mitte des Jahres 2015 war der Ausnahmezustand überall in Deutschland zu sehen. Zeltstädte entstanden, Turnhallen wurden zu Notunterkünften und brachliegende Immobilien wie Kasernen oder verlassene Gasthäuser, oft in peripherer Lage, wurden über Nacht in Gruppenunterkünfte umgewandelt. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hatte keine ausreichenden Kapazitäten, um diese große Anzahl an Asylverfahren zeitnah zu starten. Viele Geflüchtete wurden daher gar nicht mehr in den Erstaufnahmeeinrichtungen aufgenommen, die eigentlich für die ersten Schritte des Asylverfahrens zuständig sind, sondern wurden sofort weiterverteilt auf Landkreise und Kommunen. Die nachträgliche Registrierung dieser Menschen dauerte Monate, und auch die Dauer der Asylverfahren verlängerte sich während dieser Zeit signifikant. Dies alles ist abzulesen an der Asylstatistik, die den größten Ausschlag nicht im „Jahr der Migration“ 2015 zeigt, sondern erst ein Jahr später mit 722 270 Erstanträgen ihren Höhepunkt erreichte. Auch zentrale Bereiche der Integrationsinfrastruktur mussten auf- und ausgebaut werden, insbesondere in jenen (häufig ländlichen) Regionen, die zuvor keine signifikante Einwande- | B I R G I T G L O R I U S | Welche Folgen haben zurückliegende und aktuelle Fluchtbewegungen nach Deutschland und welche Herausforderungen praktischer, politischer und diskursiver Art sind dadurch entstanden? Eine Bestandsaufnahme und Analyse. »Mit dem Herbsteinbruch nimmt der öffentliche Diskurs an Fahrt auf, angeregt durch Energiekrise und Inflation.« A U T O R I N Birgit Glorius ist Professorin für Humangeographie mit dem Schwerpunkt Europäische Migrationsforschung an der TU Chemnitz. Foto: Jacob Müller (TU Chemnitz)
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