Forschung & Lehre 12/2022

958 B U C H E M P F E H L U N G E N Forschung & Lehre 12|22 Lesezeit Wie denken indigene Gemeinschaften? Wie kann man als von den Naturwissenschaften geprägter Mensch Zugang zu diesen Wissenssystemen bekommen? Für mich war das Buch von Robin Wall Kimmerer, Geflochtenes Süßgras, ein Türöffner. Robin Kimmerer ist Botanikprofessorin und Mitglied der Citizen Potawatomi Nation. Sie eröffnet in ihrem Buch geduldig, spannend, respektvoll und fundiert Zugang zu indigenen Wissenssystemen und ermöglicht damit den Beginn eines Dialogs zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften und ihren Vorstellungen von Natur und Mensch, ihrem Wissen und ihren Werten. Robin Wall Kimmerer: Geflochtenes Süßgras. Die Weisheit der Pflanzen. Aufbau-Verlag 2021. Katrin Böhning-Gaese ist Professorin an der Goethe Universität Frankfurt und Direktorin des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums, Frankfurt am Main. Wer die Krisen der vergangenen Jahrzehnte durchlebt hat, dem drängt sich mit zunehmender Not die Frage auf: Wie geht es weiter mit der Globalisierung? In diesem schwierigen Feld erhebt Wolfgang Streeck schon seit langem eine streitbare Stimme, und nun legt er die Summe seiner Argumente vor. Die nationalstaatlich verfasste Demokratie erscheint ihm als eine Institution, deren Geltung den historischen Moment ihrer Entstehung übersteigt. Durch sie sei es gelungen, die destruktiven Kräfte des modernen Kapitalismus einzuhegen, indem der gemeinsam erarbeitete Wohlstand so gleich wie möglich und so partizipativ wie wünschbar verteilt wird. Diese Errungenschaften sieht Streeck durch eine „Hyperglobalisierung“ und die Verlagerungen politischer Entscheidungen in internationale Organisationen, die selbst nicht demokratisch legitimiert sind, gefährdet und plädiert für eine andere internationale Ordnung, die aus einem genossenschaftlich-konföderalen Staatensystem besteht. Dieses Buch ist eine Herausforderung an uns alle, die grundlegenden Parameter unserer geschichtlich-sozialen Weltdeutung einmal wieder in die Distanz zu rücken und zu überprüfen. Wolfgang Streeck: Zwischen Globalismus und Demokratie. Politische Ökonomie im ausgehenden Neoliberalismus, Suhrkamp Verlag, 2. Aufl., 2021. Clemens Albrecht hat den Lehrstuhl für Kultursoziologie am Institut für PolitischeWissenschaft und Soziologie der Universität Bonn inne. Auf dem Kongress der kommunistischen Partei Chinas im Oktober 2022 hat Präsident Xi Jinping seine Absicht bekräftigt, Taiwan dem Mutterland einzuverleiben. Wir wissen nicht, wie der Konflikt ausgehen wird, doch Taiwan könnte zu einem Brennpunkt der Weltpolitik werden – Unwissenheit sollten wir uns nicht mehr leisten. Mit Sympathie und Sachkenntnis und in meisterlicher Sprache zeigt uns der Autor in einem Kaleidoskop von Szenen das Schicksal einer Großfamilie im Strudel der Ereignisse der letzten Jahrzehnte: von der japanischen Kolonialzeit, mit der unmenschlichen Behandlung der englischen Kriegsgefangenen nach der Eroberung von Singapur, den Luftangriffen der Amerikaner auf Taipei am Ende des Krieges, den grauenhaften Auseinandersetzungen mit den Festländern, die mit Chiang Kai-shek auf die Insel drängten und aus ihrem Abscheu für ihre japanisierten Landsleute keinen Hehl machten, bis hin zur international vernetzten heutigen Generation mit einer ungewissen Zukunft. Aus diesem Roman erfährt man mehr über Taiwan als aus jedem Geschichtsbuch. Stephan Thome: Pflaumenregen. Roman. Suhrkamp Verlag, 2021 Lothar Ledderose ist Seniorprofessor der Kunstgeschichte Ostasiens an der Universität Heidelberg. Foto: Peter Kiefer

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