Forschung & Lehre 12/2022

964 B Ü C H E R Forschung & Lehre 12|22 Lesen und lesen lassen und irritiert. Vielleicht ist es gerade deshalb unbedingt lesenswert. Georg M. Oswald (Hg.): Das Grundgesetz. Ein literarischer Kommentar. C.H. Beck Verlag 2022, 26,- €. Professorin Dr. Dr. h.c. Barbara Dauner-Lieb, Universität zu Köln und Präsidentin des Verfassungsgerichtshofs Nordrhein-Westfalen Hörende Herzen Hartmut Rosa geht mit der modernen Gesellschaft hart ins Gericht: Das Besondere an ihr sei, dass sie permanent wachsen müsse, nur um das gesamte bestehende gesellschaftliche Gefüge erhalten zu können. Dieser Steigerungszwang führe zu einem Aggressionsverhältnis zur Welt. Es mache sich das Gefühl breit, lange gehe es nicht mehr gut, in einem System zu leben, in dem wir jedes Jahr schneller werden müssten, um dem Abgrund zu entkommen. Demokratie funktioniere in einer Aggressionsgesellschaft nicht. Vielmehr brauche in einer Demokratie nicht nur jeder eine Stimme, sondern auch Ohren, die die anderen Stimmen hören, auch diejenigen, die anderer Meinung sind. Grundlegend sei dabei ein „hörendes Herz“ und die Fähigkeit, sich anrufen zu lassen. Das drohe in der modernen Gesellschaft verloren zu gehen. Daher seien Religion und auch Kirche essenziell. Sie verfügten über ein Ideenreservoir und ein rituelles Arsenal, mit denen ein hörendes Herz erfahren und eingeübt werden könne. Sie könnten daran erinnern, dass eine andere Weltbeziehung als die „steigerungsorientierte, auf Verfügbarmachung zielende“ möglich sei. Es ist bemerkenswert, wie Hartmut Rosa ausdrücklich als Soziologe davon zu überzeugen versucht, dass Kirche eine „verdammt“ wichtige Rolle in dieser Gesellschaft zu spielen hat. Hartmut Rosa: Demokratie braucht Religion. Kösel Verlag 2022, 12,- €. Ina Lohaus Annäherung Ist es für jemanden, der nicht Jura studiert hat, tatsächlich unmöglich, sich ein intelligentes und zutreffendes Bild von unseren Gesetzen zu machen? Gibt es Juristen, die über unsere Gesetze so schreiben können, dass jemand, der nicht vom Fach ist, sie versteht? Dieses Buch gibt Antworten auf diese Fragen“ – so lautet der selbstbewusste Anspruch des Herausgebers, der freilich nicht eingelöst wird. Es handelt sich um eine Sammlung von Essays interessanter und sprachgewandter Menschen zum wichtigsten juristischen Text der Bundesrepublik, dem Grundgesetz. Ihre Annäherung soll subjektiv, vielleicht sogar persönlich sein. Sie sollen also nicht – wie in einem juristischen Kommentar – möglichst objektiv den aktuellen Diskurs aufarbeiten, sondern ihre Themen feuilletonistisch-pointiert erschließen. Den prominenten Juristen und Juristinnen gelingt der erbetene Wechsel in die subjektive Perspektive nur sehr begrenzt. Aber die klugen Beiträge von Susanne Baer, Angelika Nußberger, Sophie Schönberger und Udo di Fabio sind jedenfalls auch für Nichtjuristen informativ, anregend und verständlich. Geprägt wird der Band tatsächlich durch radikal subjektive Blicke von außen, aus einem breiten Meinungsspektrum. So vermisst etwa Ijoma Mangold in Art. 14 GG mehr neoliberales Pathos. Andererseits sieht Hilal Sezgin nach der Interpretation des Art 20a GG durch die Klimaschutzentscheidung des Bundesverfassungsgerichts im Hinblick auf die Chancen für eine lebenswerte Zukunft das Glas nicht einmal halb voll, sondern bloß feucht. Schon viele Überschriften lösen spannendes Kopfkino aus. Juristisch verlässliche Erkenntnisse über das Grundgesetz enthalten die meisten Beiträge aber nicht. Es geht eher um „Utopie und uneingelöste Versprechen“ (Anna Katharina Hahn). Es werden Vorverständnisse, Hoffnungen, Sehnsüchte, Träume auf das Grundgesetz projiziert, die in der Rechtspraxis geradezu zwangsläufig enttäuscht werden müssen. Das Werk beantwortet keine Fragen, aber es berührt B Ü C H E R Ü B E R W I S S E N S C HA F T Otfried Höffe: Ist Gott demokratisch? ZumVerhältnis von Demokratie und Religion. Hirzel Verlag 2022, 24,- €. Der Autor, der Politische Philosophie lehrt, erörtert das historische Mit- und Gegeneinander von Demokratie und Religion und zeigt auf, wie sie sich zukünftig gegenseitig unterstützen könnten. Die gemeinsamen Elemente werden auch aus globaler Perspektive analysiert. Otfried Höffe stellt den Wert der Religion in der Gegenwart den Gefährdungen für die Gesellschaft durch Missbrauch oder Fanatismus gegenüber. Stephan Lessenich: Nicht mehr normal Gesellschaft am Rande des Nervenzusammenbruchs. Verlag Hanser Berlin 2022, 23,- €. Angesichts von Migrations- und Klimakrise, Pandemie und Krieg in Europa sei es nicht mehr zu verkennen, dass die alte Normalität Risse bekommen habe und aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr zurückkommen werde. Wie geht eine Gesellschaft damit um, fragt der Direktor des Instituts für Sozialforschung an der Universität Frankfurt a.M., und was kann an die Stelle der alten Normalität treten? Philipp Sterzer: Die Illusion der Vernunft Warum wir von unseren Überzeugungen nicht zu überzeugt sein sollten. Ullstein Verlag 2022, 23,99 €. Ausgehend von dem Phänomen, dass Menschen losgelöst von jeglichen Fakten und gegen jede Wahrscheinlichkeit unerschütterlich an ihrer Überzeugung festhalten, fragt der Autor, Neurowissenschaftler und Psychiater an der Universität Basel, danach, wie Überzeugungen entstehen. Sie seien viel weniger rational, als wir glauben und auch unser eigenes Denken müsse kritisch hinterfragt werden.

RkJQdWJsaXNoZXIy MjMxMzg=