968 K A R R I E R E - P R A X I S Forschung & Lehre 12|22 Seit den 1990er Jahren hat sich das Ungleichgewicht in der Anzahl von Männern und Frauen, die ein Hochschulstudium und eine Vollzeitbeschäftigung aufnehmen, in den USA und anderen Industrieländern deutlich verringert. In den USA spricht man bereits vom letzten Kapitel der „großen Gender Konvergenz“ (Goldin, 2014). Dennoch bestehen Geschlechterungleichheiten bei der Bezahlung fort. Der gender wage gap beläuft sich sowohl in Deutschland als auch in den USA aktuell auf ca. 18 Prozent. Dies ist unter anderem auch darauf zurückzuführen, dass Frauen in einigen der lukrativsten und wettbewerbsorientiertesten Branchen wie dem Ingenieur- und Finanzwesen nach wie vor unterrepräsentiert sind. Was sind die Gründe hierfür? Die Meinungen gehen auseinander. Es könnte an persönlichen Präferenzen der Frauen für andere Berufsfelder liegen und/oder an Vorurteilen gegenüber Frauen, die in männerdominierten Berufen tätig sind, die ihnen dort die Arbeit erschweren. Frauen in männerdominierten Berufsfeldern verletzen Geschlechternormen, also Vorstellungen einer Gesellschaft, in welchen Berufen Frauen und Männer arbeiten sollten. Dies kann für diese Frauen zu sogenannten „Backlash-Effekten“ führen. Sie werden mit negativen Attributen belegt und diskriminiert (diese Effekte wurden übrigens auch für in frauendominierten Branchen arbeitende Männer nachgewiesen). In Antizipation dieser Hürden könnten viele Frauen davor zurückscheuen, in männerdominierten Berufsfeldern zu arbeiten. Der daraus resultierende Mangel an weiblichen Vorbildern, die jüngere Frauen dazu motivieren könnten, solche Berufe perspektivisch zu ergreifen, amplifiziert dann Ungleichverteilung der Geschlechter über die verschiedenen Branchen. So werden beispielsweise Führungspositionen in vielen Branchen oft als „männliche“ Rollen angesehen. Beispiele sind das jahrzehntealte Klischee, dass Ärzte Männer und Krankenschwestern Frauen sind, und der Geschäftsmann und seine Sekretärin. In diesen Fällen könnte bereits eine relativ kleine Anzahl an Geschäftsfrauen oder Ärztinnen als Gegenbeispiele zur gängigen Norm den Weg für mehr Frauen ebnen, ihnen in diese Positionen zu folgen. Dieser Gedanke wird durch eine 2007 an US-Universitäten durchgeführte Untersuchung (Sonnert, Fox and Atkins, 2007) gestützt, die ergab, dass mit einem höheren Anteil weiblicher Lehrkräfte in den natur- und ingenieurwissenschaftlichen Abteilungen auch die Zahl der weiblichen Studierenden in den Bereichen Physik, Ingenieurwesen und Biowissenschaften zunahm. Studien wie diese erinnern an die Worte der Astronautin Sally Ride in einem Interview mit dem Harvard Business Review im Jahr 2012: „Junge Mädchen brauchen Vorbilder in allen Berufen, für die sie sich entscheiden könnten, damit sie sich vorstellen können, diese Berufe eines Tages selbst auszuüben. Man kann nicht sein, was man nicht sehen kann.“ Männerdominierte Rollen Um herauszufinden, ob weibliche Vorbilder in männerdominierten Rollen einen Einfluss auf die Berufswahl von Frauen haben, habe ich gemeinsam mit meinen Kolleginnen Mengqiao Du von der Universität Mannheim und Vidhi Chhaochharia von der University of Miami eine Reihe von amerikanischen Umfragen und Arbeitsmarktdaten über die letzten 70 Jahre analysiert. Um zu einer konkreten Definition eines weiblichen Vorbilds in männerdominierten Berufen zu gelangen, haben wir die Antworten einer repräsentativen Stichprobe der amerikanischen Bevölkerung aus 46 Gallup-Umfragen analysiert, die zwischen 1951 und 2014 durchgeführt wurden. Uns interessierten vor allem die Antworten der Umfrageteilnehmerinnen und -teilnehmer auf die Frage: „Welche Frau, von der Sie gehört oder gelesen haben und die heute noch in irgendeinem Teil der Welt lebt, bewundern Sie am meisten?“ Aus den Antworten haben wir eine Liste von allen 247 Frauen zusammengestellt, „Man kann nicht sein, was man nicht sehen kann...“ Der Einfluss weiblicher Vorbilder auf die Karriereverläufe von Frauen | A L E X A N D R A N I E S S E N - R U E N Z I | Nach wie vor sind Frauen in Führungsetagen, aber auch in wichtigen akademischen Positionen in der Minderheit. Diese Wenigen haben allerdings eine erheblich motivierende Wirkung auf ihre Geschlechtsgenossinnen, den Weg in die Führung und in männerdominierteWissenschaftsbereiche zu wählen. A U T O R I N Alexandra NiessenRuenzi ist Professorin für Corporate Governance an der Universität Mannheim.
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