Forschung & Lehre 12/2023

www.forschung-und-lehre.de Großer Akademischer Stellenmarkt | ab Seite 952 Forschungsfelder im Wandel | ab Seite 904 Verhandlungsgeschick Gender-Pay-Gap an Universitäten | ab Seite 926 Nahostkonflikt Erfahrungsbericht eines deutschen Wissenschaftlers | ab Seite 924 Hochschulsystem Universitäten als wettbewerbliche Akteure | ab Seite 914

Die gemeinnützige Alzheimer Forschung Initiative e.V. (AFI) fördert die Forschung im Bereich der AlzheimerKrankheit und Alzheimerverwandter Demenzen durch gezielte Förderprogramme, die einen wesentlichen Beitrag zum Forschungsfortschritt in diesen Gebieten leisten sollen. Fördermittel der AFI werden an besonders qualifizierte Wissenschaftler*innen vergeben. Ausschreibung von Research Grants, Early Career Grants und Cross Border Grants Wissenschaftler*innen an deutschen Universitäten und öffentlichen Einrichtungen können die finanzielle Förderung eines Forschungsvorhabens beantragen. Ausgeschrieben werden bis zu 200.000 Euro für maximal drei Jahre. Für junge promovierte Alzheimer-Forscher*innen, die ein entsprechendes wissenschaftliches Umfeld nachweisen können, stellt die AFI Mittel bis zu 60.000 Euro für maximal zwei Jahre bereit. Darüber hinaus fördert die AFI grenzübergreifende Projekte mit bis zu 200.000 Euro für zwei Jahre gemeinsam mit ihren internationalen Kooperationspartnern aus den Niederlanden, Frankreich und den USA. Alle Anträge werden vom Wissenschaftlichen Beirat der AFI unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Thomas Arendt, Universität Leipzig, zusammen mit den Beiräten der Kooperationspartner sowie externen Gutachter*innen bewertet. Der Einsendeschluss für Anträge auf Forschungsförderung (Letter of Intent) ist Donnerstag, der 1. Februar 2024. Die Antragstellung erfolgt über ein Onlineformular auf www.alzheimer-research.eu. Weitere Informationen zu allen Fördermöglichkeiten der AFI finden interessierte Wissenschaftler*innen auf www.alzheimer-forschung.de/forschung. Alzheimer Forschung Initiative e.V. (AFI), Kreuzstr. 34, 40210 Düsseldorf Telefon: 0211-86 206623, forschung@alzheimer-forschung.de Alzheimer-Krankheit und verwandter Demenzen auf dem Gebiet der Ursachen-, Diagnose- und klinischen Forschung Förderung der Erforschung der Für eine Zukunft ohne Alzheimer – Forschung ist nötig.

12|23 Forschung & Lehre 897 STANDPUNKT Überlaufende E-Mailkonten, enge Deadlines für die Einreichung eines Drittmittelantrags über ein Online-Portal und ein Desktop voller durchzuschauender Abschlussarbeiten im PDF-Format. Kommt Ihnen das bekannt vor? Dazu kommen Medienanfragen, Tätigkeiten als Gutachterin oder Gutacher für Fachzeitschriften und in meiner Zunft das Schreiben von Ethikanträgen. Die Herausforderungen rund um den Beruf der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind im Zeitalter der Digitalisierung komplex. Auf der einen Seite ist es durch die Digitalisierung deutlich leichter geworden, Artikel bei Fachzeitschriften einzureichen (man denke daran, dass früher Manuskripte per Post verschickt wurden!). Zusätzlich haben die vielen Digitalmöglichkeiten internationale Kooperationen deutlich vereinfacht und Wissen lässt sich heute schneller verbreiten. Die digitale Kommunikation via E-Mail & Co. bedeutet aber auch ein Massenaufkommen an zu beantwortenden Nachrichten. Weiterhin hat die Smartphone-Revolution ihr Übriges getan, um bei vielen Menschen die Erwartungshaltung zu wecken, dass alles sofort passieren muss. Zumindest gefühlt wird von allen Seiten an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gezerrt. Das Kerngeschäft Forschung und Lehre wird durch das digitale Dauerfeuer erschwert. Einen Ausweg zu finden ist nicht leicht. Das zu erreichende Ziel ist für mich aber klar: Es bedarf mehr Zeit für konzentriertes Arbeiten. Ohne klar definierte Zeiten für „Deep Work“ ist es schwer, im Alltag überhaupt noch zu forschen, die Lehre in Ruhe vorzubereiten und etwas Sinnvolles zu Papier zu bringen. Als Reaktion auf die digitale Flut verfolge ich schon seit Jahren die Strategie, dass ich einen Arbeitstag in der Woche „für mich“ freihalte. Dort gibt es keine digitalen Videokonferenzen oder andere Termine, auf die ich reagieren müsste. An diesem Tag komme ich zu dem für mich wichtigen Kerngeschäft meines Berufs als Hochschulprofessor: zum Lesen, Nachdenken, Daten analysieren und Schreiben. Um nicht abgelenkt zu werden, schirme ich mich an diesem Tag stark ab. Es liegt kein Smartphone auf dem Schreibtisch, das E-Mail-Postfach ist meistens geschlossen und lediglich die für mich wichtigen Digital-Werkzeuge sind auf dem Bildschirm geöffnet. Ich lese auch gerne wissenschaftliche Arbeiten auf Papier. Was für manche Leserinnen und Leser digitalisierungsfeindlich klingen mag, wird durchaus empirisch untermauert. Einige Studien legen nah, dass die physikalische Anwesenheit des Smartphones neben der Tastatur bereits die Performanz reduzieren kann. Zusätzlich wird in Studien berichtet, dass eine überbordende Smartphone-Nutzung mit schlechteren Lernleistungen einhergehen kann. Laut einer Meta-Analyse könnte das Leseverständnis von komplexen Texten interessanterweise durch das Lesen auf dem Papier im Vergleich zum digitalen Lesen mehr angeregt werden. Weiterhin sollte bei dem ganzen Digitalwahnsinn nicht vergessen werden, dass eine ganze Industrie rund um die sozialen Medien nach unserer Aufmerksamkeit lechzt und uns über ausgeklügeltes Plattform-Design in jeder freien Minute auf die Plattformen bringen will. So großartig die vielen digitalen Möglichkeiten sind: Das Schaffen einer klaren Struktur im Arbeitsalltag scheint mir zentral für den wissenschaftlichen Erfolg im Zeitalter der digitalen Dauerbeschallung zu sein. Digitaler Alltagswahnsinn Christian Montag ist Professor für Molekulare Psychologie am Institut für Psychologie und Pädagogik an der Universität Ulm.

Forschung & Lehre 12|23 898 INHALT Inhalt Foto: mauritius images/pitopia Foto: mauritius images/IconImages Forschung imWandel Wettbewerb Forschungsfelder sind einem ständigen Wandel unterworfen. Sie entwickeln sich entlang neuer Forschungsfragen und Erkenntnisse über die Zusammenhänge zwischen Disziplinen fort, bereichern sich gegenseitig und ermöglichen neue Perspektiven. Unser Schwerpunkt blickt auf die Definition und Genese von Forschungsfeldern und Disziplinen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler geben Einblicke in ihre Forschung, deren Ursprung und ihre Motivation für ihre Tätigkeit in diesen Bereichen. Und nicht zuletzt geht es um die Fördermöglichkeiten zu interdisziplinären und noch vergleichsweise unbekannten Forschungsfeldern. Schwerpunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . .904 Das Hochschulsystem in Deutschland ist zunehmend durch einen multiplen Wettbewerb gekennzeichnet. Die Verknüpfung unterschiedlicher Akteure, die um unterschiedlich knappe Güter im Wettbewerb stehen, hat weitreichende Folgen. Über die Zusammenhänge von multiplem Wettbewerb, staatlicher Governance und hochschulinterner Governance. Hochschulgovernance . . . . . . . . . . . . 914 STANDPUNKT Christian Montag 897 Digitaler Alltagswahnsinn NACHRICHTEN 900 Budget-Höhe für Hochschulen im Bundeshaushalt weiter unklar FORSCHUNGSFELDER IM WANDEL Jan Cornelius Schmidt 904 Was Interdisziplinarität so alles sein kann . . . Eine Typologie zur Genese von interdisziplinären Forschungsfeldern 908 Nachgefragt Einblicke in den Forschungsalltag Im Gespräch: Eva Barlösius 910 Interdisziplinäre Forschung Soziale Prozesse werden unterschätzt Im Gespräch: Gero Bornefeld 912 Auf das intrinsische Erkenntnisinteresse vertrauen? Zur Lage der Forschungsförderung abseits bekannter Pfade WETTBEWERB Georg Krücken 914 Multipler Wettbewerb an Universitäten Ursachen und Auswirkungen DISRUPTIVE FORSCHUNG Rudi K. F. Bresser 918 Die qualitative Bewertung wissenschaftlicher Ergebnisse Ein Wegbereiter disruptiver Forschung NAHOSTKONFLIKT JanBusse 920 Einen Rahmen für Verhandlungen schaffen Der Nahostkonflikt und die Dringlichkeit einer Friedensregelung Simon Wolfgang Fuchs 924 „Ein verändertes Land wartete auf mich“ Ein deutscher Wissenschaftler über die Lage in Israel

12|23 Forschung & Lehre 899 INHALT Foto: Foto: picture alliance AP Foto: mauritius images/alamy Besoldung Nahostkonflikt Das Bundesverwaltungsgericht hat in zwei Bundesländern über die Gesetzeslage zur W-Besoldung geurteilt. In Schleswig-Holstein wurde diese als rechtens bewertet, in Bremen als verfassungswidrig. Grund ist die unterschiedliche Ausgestaltung der gesetzlichen Regelungen. Bestenauslese . . . . . . . . . . . . . . . . . .928 Karrierepraxis Wenn Stellen in Berufungsverfahren an deutschen Hochschulen vergeben werden, gilt das Prinzip der Bestenauslese. Es soll die Kandidatin oder der Kandidat berufen werden, die oder der fachlich am besten geeignet ist. Dazu muss Befangenheit in den Verfahren vermieden werden. Befangenheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . .940 Der Terroranschlag der Hamas vom 7. Oktober in diesem Jahr und der daraus folgende israelische Angriff erschüttern den Nahen Osten und lassen die friedliche Lösung des Nahostkonflikts wieder einmal in weite Ferne rücken. Ein deutscher Islamwissenschaftler hat die Situation hautnah erlebt. Er wechselte kurz vor dem Angriff der Hamas auf Israel an die Hebräische Universität in Jerusalem. Kurz darauf überschlugen sich die Ereignisse. LageinIsrael . . . . . . . . . . . .920und924 BESOLDUNG Jetta Frost | Margit Osterloh | Katja Rost 926 Gender-Pay-Gap an Universitäten Der Einfluss des Verhandlungsgeschicks Katharina Helmig 928 Keine Leistungsbezüge ohne Leistung? Eine juristische Einordnung zweier Urteile zur W-Besoldung WISSENSCHAFTSGESCHICHTE Stefan Rebenich 930 Abgefallener Pfarrerssohn Vor 120 Jahren starb der berühmte Altertumswissenschaftler Theodor Mommsen RELIGION Manfred L. Pirner 932 Weihnachten übersetzen? Über den Umgang mit religiösen Traditionen in einer pluralen Gesellschaft BUCHTIPPS 934 Lesezeit KARRIEREPRAXIS 940 Befangenheit in Berufungsverfahren Ein Überblick und aktuelle Entscheidungen RUBRIKEN 903 Fundsachen 936 Ergründet und entdeckt 938 Zustimmung und Widerspruch 939 Lesen und lesen lassen 942 Entscheidungen aus der Rechtsprechung 943 Preise 944 Habilitationen und Berufungen 950 Impressum 951 Rektoren, Kanzler und Leitungspositionen 952 Akademischer Stellenmarkt 974 Exkursion 975 Enigma 976 Am Ende optimistisch? – Regina T. Riphan

Forschung & Lehre 12|23 900 NACHRICHTEN Täglich aktuelle Nachrichten auf www.forschung-und-lehre.de Budget-Höhe für Hochschulen im Bundeshaushalt 2024 weiter unklar Die Höhe des Budgets für Hochschulen im Haushalt für 2024 ist zum Zeitpunkt des Druckschlusses dieser Ausgabe weiter unklar. Nachdem ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) der Ampel-Koalition für 2021 einen verfassungswidrigen Haushalt attestiert hatte, waren die abschließenden Beratungen zum Haushalt vertagt worden. Dadurch ist unklar, ob die in einer Bereinigungssitzung Mitte November getroffenen Zusagen für Hochschulen gehalten werden können. Dazu gehörten unter anderem eine Aufstockung des Geldes für den Wissenschaftsaustausch über den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) um drei Millionen Euro sowie für das BafögProgramm um 150 Millionen Euro. Das Budget für den DAAD hätte durch die Erhöhung den zuvor auf der Kippe stehenden Zusagen eines jährlichen dreiprozentigen Aufwuchses in der Grundfinanzierung entsprochen. „Eine Einschätzung, wie sich die angekündigten Maßnahmen konkret auf den Etat des BMBF auswirken, ist zum jetzigen Zeitpunkt leider noch nicht möglich“, sagte eine Sprecherin des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) auf Anfrage von „Forschung & Lehre“. Die Auswirkungen des Haushaltsurteils des BVerfG würden in der Bundesregierung sorgfältig geprüft. Sicher sei aber schon jetzt: „Die Bedienung bestehender Rechtsverpflichtungen bleibt von der Sperre unberührt.“ Der Zukunftsvertrag „Studium stärken Lehre stärken“ sowie der „Pakt für Forschung und Innovation“ und das Professorinnenprogramm würden laut dem BMBF nicht von dem neuen Gerichtsurteil tangiert. Anders sehe es bei Neubewilligungen aus: „Neubewilligungen mehrjähriger Vorhaben sind aufgrund der Sperre nicht möglich“, sagt die Sprecherin des BMBF gegenüber „Forschung & Lehre“. Das könnte auch das künftige EU-Forschungsbudget betreffen. Eigentlich hatte die EU-Kommission vorgeschlagen, den nächsten EU-Haushalt um 100 Milliarden Euro aufzustocken. Wissenschaftsfreiheit weltweit bedroht Das „Scholars at Risk“- Netzwerk hat seinen jährlichen Bericht über die Lage der weltweiten Wissenschaftsfreiheit veröffentlicht. Anders als der „Academic Freedom Index“ zeigt dieser keine globalen Trends, sondern konzentriert sich auf bekannt gewordene Angriffe und deren Art. Das Netzwerk dokumentierte 409 Angriffe auf Forschende, Studierende und wissenschaftliche Einrichtungen in 66 Ländern und Gebieten im Zeitraum vom 1. Juli 2022 bis zum 30. Juni 2023. Im Report klagen die Autorinnen und Autoren unter anderem die Unterdrückung von Studierenden und Forschenden durch autoritäre Regime und Diktaturen an, zum Beispiel im Iran. Bei den Demonstrationen gegen das autoritäre Regime seien Hunderte von Studierenden verhaftet worden. Auch Dutzende von Lehrkräften seien entlassen worden. Viele weitere Forschende hätten aus Protest ihre Ämter niedergelegt, seien aus dem Land geflohen oder würden durch Selbstzensur zum Schweigen gebracht. In China komme es ebenfalls weiterhin zu großen Einschränkungen der Wissenschaftsfreiheit, unter anderem durch ein System der ununterbrochenen Überwachung von Forschenden, auch durch Informanten, die sich laut Bericht unter den Studierenden befinden (siehe dazu auch die Meldung auf Seite 901). Autoritäre Staaten wie Nicaragua oder Russland hätten unliebsame Universitäten einfach geschlossen, so zum Beispiel die Universidad Cristiana Autónoma de Nicaragua oder die Moscow Free University. Der Report zeichnet ein ebenso bestürzendes Bild über die Situation in Afghanistan: Hier hätten die Taliban alle Mädchen und Frauen von Bildung ausgeschlossen. Die Autorinnen und Autoren des Berichts sehen die Wissenschaftsfreiheit auch in demokratischen Staaten bedroht. „Die Ausbreitung des Illiberalismus gehörte zu den größten Bedrohungen für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“, heißt es im Bericht. „Überall auf der Welt nutzen Exekutivbehörden und Gesetzgeber die Befugnisse ihrer jeweiligen Ämter in einer Weise, die die institutionelle Autonomie, die akademische Freiheit und die Qualität der Hochschulbildung untergräbt.“ Internationale, nationale, supranationale und regionale Behörden müssten die Wissenschaftsfreiheit stets im Blick haben, heißt es im Bericht. Sie sollten immer wieder auf die hohe Bedeutung von Forschungsfreiheit hinweisen und in Wissenschaft investieren. Wissenschaftliche Institutionen und Einrichtungen müssten Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit verurteilen, gleich wo und gegen wen diese stattfänden. Auf politischer Seite könnten Töpfe eingerichtet werden, aus denen Stipendien für vulnerable Forschende gezahlt werden könnten, und auch den Medien komme eine entscheidende Rolle zu: Diese sollten über Fälle berichten, in denen die Wissenschaftsfreiheit bedroht sei, und auf die schwerwiegenden Konsequenzen dieser Bedrohung hinweisen. Nachrichten

12|23 Forschung & Lehre 901 NACHRICHTEN Täglich aktuelle Nachrichten auf www.forschung-und-lehre .de Wissenschaft positioniert sich gegen Antisemitismus Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und weitere Organisationen aus der Wissenschaft haben sich erneut gegen Antisemitismus positioniert. „Hochschulen müssen Orte sein, an denen sich Jüdinnen und Juden ohne Wenn und Aber sicher fühlen können“, mahnte der Präsident der HRK, Professor Walter Rosenthal, am 14. November 2023 in Berlin. Seit demAngriff der Hamas auf Israel waren auch an deutschen Hochschulen immer wieder Fälle der Diskriminierung bekannt geworden. Studierende jüdischen Glaubens fühlten sich nicht mehr sicher. „An deutschen Hochschulen ist kein Platz für Antisemitismus“, bekräftigte Rosenthal. Unverhohlene Drohungen mit körperlicher Gewalt, das Anbringen von Plakaten oder Graffiti sowie Kundgebungen, die den Terror der Hamas guthießen, die Opfer ausblendeten oder aufrechneten, die das Existenzrecht Israels in Frage stellten und Jüdinnen und Juden insgesamt angingen und einschüchtern sollten, seien nicht zu rechtfertigen und keinesfalls hinnehmbar. „Wir dulden keine Gewalt, weder verbal noch physisch, keinen Antisemitismus, keinerlei Ausgrenzung – auch nicht gegen Studierende und Mitarbeitende palästinensischer Herkunft, die sich aktuell ebenfalls Sorgen machen“. Das Miteinander an einer Hochschule und die produktive Diskussion auf und neben dem Campus beruhten auf wechselseitigem Respekt, der Wahrung wissenschaftlicher Grundsätze, auf der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und der Einhaltung der Gesetze. Das Nationale Forschungszentrum für angewandte Cybersicherheit ATHENE um Professor Michael Waidner hat einen Offenen Brief gegen Antisemitismus initiiert. Mehr als tausend Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben den Brief bislang unterzeichnet. Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) begrüßte die Positionierungen. Hochschulleitungen forderte sie auf, Anlaufstellen für jüdische Studierende zu schaffen und Maßnahmen zur Krisenintervention zu ergreifen. China: Stark-Watzinger mahnt zu mehr Wachsamkeit Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger hat erneut zu mehr Vorsicht bei der Zusammenarbeit mit China aufgerufen. „Hinter jedem chinesischen Forscher kann sich die kommunistische Partei verbergen“, erklärte die FDP-Politikerin gegenüber der „Welt“. Notwendig sei eine Überprüfung bestehender Kooperationsbeziehungen auch von Hochschulen, gerade bei Stipendiatinnen und Stipendiaten des staatlichen China Scholarship Council. „Bei globalen Herausforderungen wie etwa dem Klimawandel sollte es weiter Zusammenarbeit geben. Auch wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China ist grundsätzlich wünschenswert“, ergänzte die Ministerin. Anders sehe es in sensiblen Bereichen aus, die militärische Relevanz hätten oder Menschenrechte beträfen, etwa Gesichtserkennung mithilfe Künstlicher Intelligenz. „Wir haben die Debatte mit der Wissenschaft über Forschungssicherheit begonnen“, betonte Stark-Watzinger. Es gebe von Hochschulen und Forschungseinrichtungen den Wunsch nach Orientierung und Unterstützung. „Hier machen wir Angebote. Welche Maßnahmen darüber hinaus sinnvoll sind, erarbeiten wir gemeinsam mit der Wissenschaft“, so die Ministerin. Der Präsident der HRK hatte im Gespräch mit Forschung & Lehre zuletzt betont, dass Hochschulen für eine bessere China-Kompetenz an den Hochschulen weitere Sinologinnen und Sinologen gewinnen sowie verlässliche Prozesse des Risikomanagements und Zentren für Ethik in der Forschung an allen Hochschulstandorten etablieren müssten. Pauschale Regeln oder Verbote hält er für falsch. Die Entscheidung für oder gegen eine Kooperation müsse bei den Hochschulen bleiben. Über politische Einflussnahme wird auch mit Blick auf andere Länder diskutiert, aktuell etwa mit dem Iran. Islamwissenschaftlerin Professorin Katajun Amirpur ordnet die Lage im Gespräch mit „Forschung & Lehre“ ein (Zur Website: t1p.de/ea3m1). KOMMENTAR Flagge zeigen Bildung und Kultur sind kein alleiniger Garant gegen Antisemitismus. Das zeigen der Blick in die deutsche Geschichte und aktuell die jüngsten Anfeindungen gegen Jüdinnen und Juden – nicht zuletzt auch an amerikanischen Spitzenuniversitäten. Antisemitismus tritt nicht erst seit dem menschenverachtenden Angriff der Hamas auf Israel unverhohlen hervor. Auch an deutschen Hochschulen fühlen sich jüdische Studierende und Mitarbeitende schon seit längerer Zeit nicht sicher. Klare Bekenntnisse, entschieden gegen Antisemitismus einzutreten, sind ebenso wichtig wie Antisemitismuspräventionen in Wissenschafts- und Bildungseinrichtungen. Doch alle noch so sinnvollen Maßnahmen bleiben hinter ihrer intendierten Wirkung zurück, wenn nicht durch Handeln Solidarität untermauert und durch Dialog ein respektvoller Umgang gelebt wird. Wo, wenn nicht an den Hochschulen, existiert so große Vielfalt und wer, wenn nicht Hochschulleitungen und Hochschullehrende können wichtige Multiplikatoren für ein friedvolles und kritisch-konstruktives Miteinander sein. Zum Bildungsauftrag gehört es, keinerlei Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu dulden. Es ist höchste Zeit, Antisemitismus auch an Hochschulen zu benennen und zu bekämpfen – mit den gebotenen Mitteln, die der demokratische Rechtsstaat bereithält. Yvonne Dorf

Forschung & Lehre 12|23 902 NACHRICHTEN Täglich aktuelle Nachrichten auf www.forschung-und-lehre.de Moratorium für KI in Kitas und Schulen gefordert Die Gesellschaft für Bildung und Wissen e.V. (GBW) spricht sich inmitten der Diskussionen über ein Aufholen Deutschlands in der Digitalisierung dafür aus, zumindest teilweise in die andere Richtung zu schreiten: Sie fordert einen Aufschub der Digitalisierung in deutschen Kitas und Schulen, da die Wirkung digitaler Medien auf Entwicklungs-, Lern- und Bildungsprozesse wissenschaftlich noch zu ungeklärt sei. Zu den bislang über vierzig Unterzeichnenden gehören vor allem Vertreterinnen und Vertreter aus den Erziehungswissenschaften, Kindermedizin, Medienund andere Geisteswissenschaften sowie Mathematik. „Wir fordern die Kultusministerinnen und Kultusminister aller 16 Bundesländer auf, bei der Digitalisierung an Schulen und Kitas ein Moratorium zu erlassen“, sagte Professor Ralf Lankau, einer der Initiatoren des Aufrufs, in einer Stellungnahme der GBW. „Unterricht mit Tablets und Laptops macht die Kinder bis zur sechsten Klasse nicht schlauer, sondern dümmer“, so Landau. Es verdichteten sich wissenschaftliche Hinweise auf enorme Nachteile für die Entwicklungs- und Bildungsprozesse von Kindern durch den Einsatz digitaler Medien. Laut GWB-Aufruf „ist es dringend notwendig, die einseitige Fixierung auf Digitaltechnik in Kitas und Schulen zu revidieren, um interdisziplinär und wissenschaftlich fundiert, mit Fokus auf Entwicklungs-, Lern- und Bildungsprozesse, über IT und KI in Bildungseinrichtungen zu diskutieren.“ Breite Kritik an IZA-Personalie Die aufgrund von Einsparungen angekündigte Wiedereingliederung des erst 2015 aus dem Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) ausgelagerten „Institute on Behavior & Inequality“ (briq) an der Universität Bonn sorgt für erheblichen Unmut: Nachdem der bisherige Direktor des IZA, Professor Simon Jäger, auf Grund der Fusionspläne seinen Abschied verkündet hatte, sollte der Volkswirt Professor Armin Falk, bisheriger Leiter des briq, an die Spitze des IZA rücken. Gegen diese Personalie hatte sich jedoch ein breiter Widerstand in der deutschen und internationalen Ökonomik geregt, so dass Falk den Rückzug antrat und sich von allen Ämtern in Bonn freistellen ließ. In einem Offenen Brief hatten zuletzt fast 700 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler damit gedroht, im Falle von Falks Ernennung nicht mehr mit dem IZA zusammenarbeiten zu wollen. Gegen den Volkswirt waren 2022 schwere Anschuldigungen wegen sexuellen Fehlverhaltens und Machtmissbrauchs erhoben worden. Es habe zwar eine Untersuchung stattgefunden, in der sich die Vorwürfe nicht bestätigt hätten, räumten die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner ein. Doch Falks Umgang mit den Vorwürfen habe ihn damals „das Vertrauen und die Wertschätzung seiner Kollegen“ gekostet. Studie zur Anzahl gefälschter Paper Eine unveröffentlichte Analyse, die dem Magazin „Nature“ vorliegt, geht davon aus, dass rund 1,5 bis 2 Prozent aller im Jahr 2022 veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeiten aus sogenannten „Paper Mills“ stammen, es sich also um Fälschungen handelt. Die Tendenz sei steigend und aktuell in Medizin und Biologie besonders hoch. „Paper Mills“ sind Unternehmen, die gefälschte Arbeiten und Autorschaften an Forschende verkaufen, die Publikationen für ihren Lebenslauf benötigen. Expertinnen und Experten warten auf genauere Erkenntnisse, um die Daten zu bewerten. Mehr Studierende als im Vorjahr starten Studium Die Zahl der Studienanfängerinnen und Studienanfänger ist nach Einbrüchen in der Coronazeit wieder etwas gestiegen. Knapp 480 000 Studierende haben sich laut Statistischem Bundesamt im Studienjahr 2023 für ein Studium entschieden. Das sind 1,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Insgesamt ist die Zahl der Studierenden in Deutschland im zweiten Jahr nacheinander zurückgegangen. Im laufenden Wintersemester 2023/2024 sind laut Mitteilung insgesamt knapp 2,9 Millionen Studierende an den deutschen Hochschulen eingeschrieben, das sind 1,7 Prozent weniger als im Wintersemester 2022/2023. An den Universitäten und ihnen gleichgestellten Hochschulen war der Trend mit minus 2,4 Prozent im Hochschulvergleich am höchsten. Attraktive Forschungsstandorte Zwei der großen Universitäten in Berlin sind unter Forschenden aus dem Ausland weiterhin besonders beliebt. Das zeigt das aktuelle Humboldt-Ranking. Dahinter folgt das KIT, die Universität Konstanz und die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Den fünften bis zehnten Platz belegen die Universität Heidelberg, die Technischen Universitäten (TU) in München und Berlin sowie die Universitäten Göttingen und Freiburg. Die Grundlage für das Humboldt-Ranking 2023 bildet die Auswertung der Gastaufenthalte von Geförderten der Alexander von Humboldt-Stiftung in den Jahren 2018 bis 2022. „Die Wissenschaft lebt von der Vielfalt der Perspektiven. Damit sich weiterhin besonders talentierte Forschende für Deutschland und eine Förderung der Humboldt-Stiftung entscheiden, müssen die Stipendien finanziell attraktiv und wettbewerbsfähig bleiben“, sagte Stiftungspräsident Professor Robert Schlögl laut einer Mitteilung und wiederholte damit eine Forderung, die er nach der Ankündigung von Kürzungen im Haushalt in der NovemberAusgabe von „Forschung & Lehre“ geäußert hatte. Konzil an HU künftig viertelparitätisch besetzt Das Konzil, das das Präsidium wählt und Verfassungsänderungen für die Hochschule beschließt, soll an der HumboldtUniversität Berlin künftig viertelparitätisch zwischen Professorinnen und Professoren, wissenschaftlichen sowie weiteren Mitarbeitenden und Studierenden besetzt sein. Das berichtete der „Tagesspiegel“. Professorinnen und Professoren verlieren dadurch an Einfluss an der HU. Einen entsprechenden Antrag beschloss das Konzil laut Artikel mit knapper Mehrheit (30 JaStimmen, 26 Nein-Stimmen, vier Enthaltungen).

12|23 Forschung & Lehre 903 FUNDSACHEN Auseinandersetzung „Die Philosophie ist oft in der Lage, ihre Daseinsberechtigung immer wieder neu zu begründen. Im Gegensatz zu anderen Disziplinen ist aber ihr Nutzen weniger offensichtlich. Dennoch wird in den Einzelwissenschaften und im öffentlichen Diskurs inflationär mit Begriffen wie real, wahr, wissenschaftlich oder objektiv umgegangen. Meist bleibt aber vage, was mit diesen Begriffen gemeint ist. Die Auseinandersetzung mit diesen Begriffen ist Aufgabe der Philosophie. Indem die Philosophie hinterfragt, weiterfragt und auf Klärung der Begriffe drängt, kann sie auch der Ideologisierung des öffentlichen Diskurses entgegenwirken.“ Apl. Professor Kay Herrmann, zu seinem neuen Buch: Was außerhalb meines Geistes ist und was ich davon wissen kann. Gedanken über Materie, Geist und Realität; zitiert nach: TUC aktuell vom 8. November 2023. Sprache „Intelligenz, innovative Ideen und Fleiß sind auf der ganzen Welt gleichmäßig verteilt, aber die Chancen sind es nicht. Dazu zählt die Fähigkeit, sich auf Englisch zu verständigen. Weniger als 400 Millionen Menschen sind englische Muttersprachler, aber etwa 1,5 Milliarden sprechen Englisch. Und alle 100 der einflussreichsten wissenschaftlichen Journals veröffentlichen in dieser Sprache. Oft wird der Wert eigener Ideen zweitrangig, weil sie nicht klar und effektiv auf Englisch kommuniziert werden.“ Juan M: Lavista Ferres, Chief Scientist bei Microsoft, zitiert nach: Die Zeit vom 16. November 2023. Frage „Wir als Akademien müssen uns ja fragen ..., welchen Einfluss eigentlich unser Nachdenken und Forschen, unser Diskutieren und Informieren auf die Gesellschaft da draußen vor der Tür hat. Das Problem, ob wir als Akademien nur die kleine, feine Schicht derer erreichen, die wissen, was sich gehört, stellt sich seit Anfang Oktober ... noch einmal ganz neu, und wehe uns, wenn wir diese Zeichen an der Wand übersehen!“ Christoph Markschies, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademien der Wissenschaften; zitiert nach: Süddeutsche Zeitung vom 9. November 2023. Obsession „An mir sieht man: Es ist nicht schlimm, wenn du nicht gut in der Schule bist. Ich war wirklich obsessiv mit Fahrrädern. Im Labor bin ich nur gelandet, um Geld für die Eröffnung eines Fahrradladens zu verdienen. Mein Professor, Terry Preston, hat mich Experimente machen lassen, obwohl ich eigentlich zum Mediumfiltrieren da war. Er sagte: Tony, du bist wirklich gut, geh mal an die Uni. Man braucht Unterstützer im Leben. Anthony Hyman, Direktor am Max-PlanckInstitut für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden; zitiert nach: Süddeutsche Zeitung vom 4. November 2023. Lernfähigkeit „In einem Seminar Luhmanns, an dem ich teilnahm, tauchte die leicht provozierend gemeinte Frage auf, wie er über Gentechnologie denke. Luhmann dachte nach, wie so oft mit einer Spur von Theatralik, und sagte dann ‚Wenn die Lernfähigkeit erhalten bleibt...!‘ In nuce war in diesem Austausch der ganze Luhmann präsent: der Technologieverdacht, die moralisch zugespitzte Alternative, ein Luhmann‘sches Ausweichmanöver, ironische Distanz in einer nicht zu antizipierenden Antwort.“ Rudolf Stichweh, Seniorprofessur für Soziologie am Forum Internationale Wissenschaft und am Bonn Center for Dependancy and Slavery Studies, erinnert sich an Niklas Luhmann, der vor 25 Jahren starb; zitiert nach: Die Welt vom 6. November 2023. Konflikte „Konflikte sind wie Staubsauger: Sie sammeln alles ein und erzeugen zugleich saubere Verhältnisse. Es bleibt nichts liegen, was irgendwie in den Konfliktantagonismus passen könnte. Das öffentliche Interesse an Konflikten profitiert von der Simplifizierungsfunktion des Konflikts. Das lässt sich vielfach beobachten: in Talkshows, in Parlamenten, in der Presse, abends beim Bier.“ Armin Nassehi, Professor für Soziologie an der LMU München; zitiert nach: Armin Nassehi, Gesellschaftliche Grundbegriffe, Ein Glossar der öffentlichen Rede, erschienen 2023 beim C. H. Beck Verlag. Fundsachen Brauchen „Was die Jugend braucht, ist Disziplin und einen vollen Bücherschrank.“ Vivienne Westwood, britische Modedesignerin (1914 - 2022) Nachdenken „Man sollte nie so viel zu tun haben, dass man zum Nachdenken keine Zeit mehr hat.“ Georg Christoph Lichtenberg, Physiker, Naturforscher, Mathematiker, Schriftsteller und erster deutscher Professor für Experimentalphysik (1742 - 1799)

Forschung & Lehre 12|23 904 FORSCHUNGSFELDER IM WANDEL Foto: mauritius images/pitopia Was Interdisziplinarität so alles sein kann … Eine Typologie zur Genese von interdisziplinären Forschungsfeldern

12|23 Forschung & Lehre 905 FORSCHUNGSFELDER IM WANDEL Es ist nicht Vermehrung, sondern Verunstaltung der Wissenschaften, wenn man ihre Grenzen ineinander laufen läßt.“ Immanuel Kant warnte vor über 200 Jahren vor allzu viel Grenzüberschreitung – und meinte der Sache nach: Interdisziplinarität. Das hat sich seither verändert. Im „Niemandsland zwischen den verschiedenen anerkannten Disziplinen“ lokalisiert Mitte des 20. Jahrhunderts der Kybernetiker Nobert Wiener „die fruchtbarsten Gebiete der Wissenschaft“. In den 1970er Jahren betrat dann der Begriff der Interdisziplinarität die Bühne. Er wurde vom OECDZentrum für Bildungsforschung und Innovation (CERI), insbesondere vom Physiker Erich Jantsch geprägt. Schnell entfaltete er eine beeindruckende Karriere und wurde populär. Heute ist er en vogue in Wissenschaft und Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Seine Zugkraft ist genauso enorm wie seine Strahlkraft. Wer kann es sich leisten, dem Hype nicht zu folgen? Wer wollte abseits stehen, wenn neoliberale Anreizstrukturen neue Forschungsperspektiven versprechen? Wer verzichtet auf das Label, das Kreativität signalisiert, Innovation verspricht und Mehrwert verkörpert? Merkwürdig ist, dass kaum ein zukunftsrelevanter Begriff so unscharf, unbestimmt, ungeklärt ist; ja der Begriff scheint immer unschärfer zu werden. War mit Interdisziplinarität in den 1970er Jahren noch eine grundlegende Kritik an Bildung, Forschung und Entwicklung und das heißt auch: an Universitäts- und Forschungsinstitutionen, verbunden, ist das Label heute im Mainstream angekommen. Das ist einerseits beeindruckend, andererseits erfordert es, in kritisch-konstruktiver Absicht Klärungen vorzunehmen und Differenzierungen zu ermöglichen – das kann als Aufgabe einer interdisziplinären Philosophie der Interdisziplinarität angesehen werden (Schmidt 2022). Nur durch Reflektion von Interdisziplinarität kann die Genese von neuen interdisziplinären Forschungsfeldern transparent werden sowie gestaltet und gemanagt werden. Defizitdiagnose Interdisziplinarität ist zunächst ein wissenschaftspolitischer Imperativ – im Großen wie im Kleinen: Es ist offenbar die Stunde, das Jahrzehnt, gar das Jahrhundert der Interdisziplinarität! Wer von Interdisziplinarität spricht, will etwas. Der Begriff ist normativ aufgeladen, mitunter gar präskriptiv ausgerichtet. Wissenschaft soll gestaltet werden. Das betrifft auch die Genese von neuen Forschungsfeldern. Wer Interdisziplinarität propagiert, hat also Motive und verfolgt Ziele. Hintergrund ist eine Defizitdiagnose: Die herkömmliche Forschungs- und Bildungslandschaft weise Defizite auf. Sie sei nicht kreativ, dynamisch, innovativ genug. Disziplinäre Grenzen seien zu Forschungs- und Entwicklungsgrenzen geworden, so Jürgen Mittelstraß schon vor 40 Jahren: Die Silos der Disziplinen lähmen. Historisch hingegen war es gerade die funktionale Differenzierung in immer kleinere arbeitsteiligere Einheiten, die das moderne Wissenschafts- und Forschungssystem so erfolgreich machte. Aber die Schattenseite ist heute allzu offenkundig: Wie die disziplinären Wissensfragmente zusammenhängen, wird immer unklarer; das Ganze bleibt ungedacht. Komplexe Probleme in Wissenschaft, aber auch in Gesellschaft können so nicht angegangen werden. Die wissenschaftliche Wissensproduktion weist dazu eine zu hohe Spezialisierung, Fragmentierung, Atomisierung auf, so der Wissenschaftsforscher und Physiker John Ziman: „Knowing everything about nothing“. Der disziplinäre Fachwissenschaftler – ein blinder Experte im entrückten Elfenbeinturm? Motive Der Hintergrund für die Popularität von Interdisziplinarität liegt also in der ambivalenten historischen Entwicklung des Wissenschafts-, Forschungs- und Bildungssystems. Recht besehen war Interdisziplinarität, wie der Begriff in den 1970er Jahren ins Feld geführt wurde, ein Korrektur- und Kompensations-Terminus. Heute rückt die grundlegende Kritik aus dem Fokus, auch wenn pragmatisch Defizite diagnostiziert werden. Die heutigen Motive sind pluraler, ja durchweg heterogener, so dass ungewiss ist, ob von der Interdisziplinarität überhaupt gesprochen werden kann. Es gibt, erstens, nach wie vor wissenschaftsinterne und innerakademische Motive, die in der Tradition der Moderne und der Aufklärung stehen. Wissenschaft ist demnach der Wahrheit verpflichtet. Wenn disziplinäre Grenzen zu Erkenntnisgrenzen geworden sind, wird Interdisziplinarität notwendig, um neue Erkenntnisse zu gewinnen und Erkenntnisfortschritt wieder herzustellen. Interdisziplinarität gilt als ein temporäres Reparaturinstrument. Darüber hinaus wird sie gelegentlich gar als Weg zur Einheit der Wirklichkeit oder der wissenschaftlichen Rationalität entworfen – und knüpft damit an das ursprüngliche, antike wie moderne Ideal von Wissenschaft an. Zwei andere Motive der Popularität von Interdisziplinarität sind im weitesten Sinne als wissenschaftsextern anzusehen – als von außen an das Wissenschaftssystem herangetragen. Wis senschaftliches Wissen wird im Nutzungs- und Verwendungskontext gesehen, als Instrument und Mittel zur Lösung von Problemen. Ziel ist nicht reine Erkenntnis oder Wahrheit, sondern Verwertung und Nutzen. Ein Solutionismus und Instrumentalismus beherrscht diese Sicht auf Interdisziplinarität und prägt gesellschaftliche wie ökonomische Rechtfertigungsdiskurse. Von Modus-2 der Wissensproduktion ist die Rede, von Post-Normal-, Post-Paradigmatischer-, Techno- oder Trans-Science, und auch von Transdisziplinarität. Hier finden sich, zweitens, gesellschaftliche und ethische Motive. Interdisziplinarität wird als notwendig angesehen, um den großen gesellschaftlichen Herausforderungen (von denen seit mehr 20 Jahren, auch im EU-Rahmen, die Rede ist) zu begegnen. Globale Problemlagen bedürfen interdisziplinärer Wissensproduktion: Krieg und Frieden, | JAN CORNELIUS SCHMIDT | Der Begriff der Interdisziplinarität ist in aller Munde – in Wissenschaft und Politik, Wirtschaft und Gesellschaft . Doch kaum ein zukunftsrelevanter Begriff bleibt so unscharf, unbestimmt und ungeklärt . Eine Annäherung an ein Label, das Kreativität signalisiert und Innovation verspricht . Jan Cornelius Schmidt, Physiker und Philosoph, ist Professor für Wissenschaftsund Technikphilosophie an der Hochschule Darmstadt.

Forschung & Lehre 12|23 906 FORSCHUNGSFELDER IM WANDEL Klima und Nachhaltigkeit, Energie- und Mobilitätswende, Biomedizin, Pandemien und Epidemien, Technikfolgenabschätzung und gesellschaftliche Technikgestaltung, Migration und andere. Verwandt sind, drittens, ökonomische Motive. Wissenschaft wird als Produktivkraft gesehen. Sie dient dazu, finanziellen Wohlstand und internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Disziplinäre Wissenschaft sei allzu stark inner-akademisch orientiert – sieht man von einigen Wirtschafts- und Technikwissenschaften einmal ab. Im Hinblick auf ökonomische Verwend- und Verwertbarkeit sei sie schlicht defizitär. Um marktseitigen Anforderungen durch größere Praxisnähe und Anwendungsbezug gerecht zu werden, ist sie interdisziplinär fortzuentwickeln: Denn die Praxis selbst sei interdisziplinär. Gerade dieser Motivkomplex hat derzeit Konjunktur. Mehr noch: Ökonomisches Denken hat sich durch sukzessive Implementierung neoliberaler Governance- und Anreiz-Strukturen im deutschen Wissenschafts- und Universitätssystem breit etabliert. Wenn also von der Genese von neuen Forschungsfeldern die Rede ist – die aufgrund ihrer Neuheit (zunächst) interdisziplinär sind – ist zu fragen: Was ist Ziel und Zweck? Was wird angestrebt? Und was sind die vordergründigen Motive und hintergründigen Interessen? Recht besehen sollte der normative Gehalt offengelegt werden, um eine kritischkonstruktive Gestaltung von Forschungsfeldern zu ermöglichen. Diese Reflexivität knüpft an das ursprüngliche Ideal von Interdisziplinarität an. Nur so vermag die Dominanz einer blinden Instrumentalität und einer neoliberalen Eigenlogik verhindert werden – und das produktive Potenzial der Wissenschaft zur Selbstaufklärung genutzt werden: zur Verbesserung von Wissenschaft und Gesellschaft. Stark oder schwach? Mit der Explikation der Motive ist das Potenzial möglicher Differenzierungen noch nicht ausgeschöpft. Schließlich kann man nicht nur eine Pluralität von Motiven feststellen, sondern auch eine der Typen, die sich einmal stärker auf Extensionen (Begriffsumfang) und sodann, weitreichender, auf Intensionen (Begriffsinhalt) bezieht. Prägend für den heutigen Diskurs um Interdisziplinarität – und um unterschiedliche extensionale Verständnisweisen – war der Physiker und Romancier C. P. Snow. Sein berühmter Begriff der Zwei Kulturen ist seither in aller Munde. Die Zwei Kulturen, hier die Natur-, Technik- und Informationswissenschaften, dort die der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften, sind durch einen tiefen Graben getrennt. Für Snow blieb Interdisziplinarität ein frommer Wunsch. Unterschiedliche Sozialisationen und Habitualisierungen, verschiedene Denk-, Sprech- und Handlungsweisen machen Interdisziplinarität unmöglich. Gewiss, Snows These war so neu nicht; ähnliches findet sich bei Heinrich Rickert, Wilhelm Dilthey oder Heinrich v. Kleist. In Anlehnung an Snow kann man von großer oder starker Interdisziplinarität sprechen, wenn Forscherinnen und Forscher der beiden großen Wissenschaftskulturen zusammenarbeiten. Das ist der Sache nach schwierig und anspruchsvoll – der Begriff von Interdisziplinarität ist als stark und extensional eng anzusehen. Er ist extensional eng, weil die Kooperation des Informatikers oder der Physikerin mit einer Mathematikerin oder die eines Psychologen oder einer Philologin mit einem Philosophen herausfällt. Das ist demnach nicht interdisziplinär. Letztere Beispiele fallen aber unter die kleine oder schwache Interdisziplinarität, die als begriffsextensional weit gilt. Danach ist jede Kooperation über disziplinäre Grenzen hinaus interdisziplinär. Ein solcher Begriff ist freilich alles andere als gehaltvoll. Dennoch – oder gerade deshalb – ist er weit verbreitet in Wissenschaft und Politik. Typen Mit der Gegenüberstellung von starker und schwacher Interdisziplinarität ist noch keine semantische Klärung erfolgt: Der Begriffsinhalt, also die Intension, bleibt offen. Eine Pluralität zeigt sich auchhier. Ohne dass hier eine hinreichende Erörterung des für Interdisziplinarität konstitutiven Begriffs der Disziplinarität vorgenommen werden kann, lässt sich sagen: Interdisziplinarität hat es mit einer Grenz-Dialektik bezüglich Disziplinarität zu tun. Einerseits basiert Interdisziplinarität auf Disziplinarität und damit auf Grenzen der Disziplinen. Disziplinarität ist notwendige Bedingung für Interdisziplinarität. Andererseits zielt Interdisziplinarität auf Überschreitung disziplinärer Grenzen. Jedes Konzept von Interdisziplinarität muss also beides umfasssen: Bewahrung und Überwindung disziplinärer Grenzen. Diese beiden Anforderungen werden von vier Typen von Interdisziplinarität erfüllt, wobei sich mal der eine Typ mal der andere in der Genese von neuen Forschungsfeldern wiederfindet: Zunächst gibt es eine Interdisziplinarität des Gegenstands oder eine objektorientierte Interdisziplinarität. Forschungsgegenstände sind oft zu komplex, als dass eine Fachdisziplin hinreichend wäre. Der Zusammenhalt eines interdisziplinären Forschungsfeldes liegt dann in komplexen Objekten, wie z.B. Gehirn, biologische Evolution, Kosmos, Nanopartikel, Schmelzen des Packeises, nachhaltigkeitsorientierte Mobilitätsplanung einer Stadt, komplexe Produktionsanlage, militärische Infrastruktur usw. Ein solch objektorientiertes Verständnis von Interdisziplinarität ist weit verbreitet und dient als Ausgangspunkt vieler neuer Forschungsfelder. Sodann kann Interdisziplinarität methodo logisch verstanden werden, als methodenorientierte Interdisziplinarität. Der Forschungsprozess und die Wissensproduktion selbst sind interdisziplinär. Prominent sind heute Felder wie die Digital Humanities, welche Methoden verwenden, die aus der Informatik und den Naturwissenschaften stammen. Dieser Interdisziplinaritätstyp ist eng verbunden mit einer Methodenübertragung zwischen Disziplinen, wie auch in der Bionik, wo Bio-Lösungsverfahren zur Technikentwicklung verwendet werden; Ähnliches findet man in der Econophysics, in der physikalische Methoden auf finanzwissenschaftliche Fragen angewendet werden. In der Nachhaltigkeitsforschung, der Sozialen Ökologie und der Technikfolgenabschätzung werden gar neue integrative Methoden entwickelt, um gesellschaftliche Naturverhältnisse oder soziotechnische Systeme zu beschreiben und zu gestalten. Dieses Interdisziplinaritätsverständnis ist schon deutlich anspruchsvoller. Ferner wird mit dem Begriff der Interdisziplinarität auf Theorien, Konzep- »Interdisziplinarität gilt als ein temporäres Reparatur-Instrument. Darüber hinaus wird sie gelegentlich gar als Weg zur Einheit der Wirklichkeit entworfen.«

12|23 Forschung & Lehre 907 FORSCHUNGSFELDER IM WANDEL te und Wissensformen rekurriert – als theorie- oder wissensorientierte Interdisziplinarität. Hier handelt es sich um disziplinübergreifende Konzepte, wie z.B. Kybernetik, Systemtheorie, Spieltheorie, Synergetik, Selbstorganisations-, Komplexitäts- und Chaostheorien, Evolutionstheorien, aber auch heutige Modelle in KI und Ma chine Learning. Die se Konzepte werden in unterschiedlichen Fachdisziplinen als Theo rieelemente verwendet und entfalten eine produktive Erklärungskraft. Auf struktureller Ebene werden Ähnlichkeiten verschiedener disziplinärer Gegenstandsund Forschungsfelder sichtbar – eine nicht selten beeindruckende Syntheseleistung. Ein solcher Interdisziplinaritätstyp ist äußerst anspruchsvoll. Schließlich findet sich ein anders gearteter Typ, nämlich der der problemorientierten Interdisziplinarität. Dieser ist in den letzten 20 Jahren prominent und einflussreich geworden. Problemorientiert wird dieser Typ genannt, insofern gesellschaftliche und ethische Probleme identifiziert und als Herausforderungen für die Forschung gesehen werden. Der Klimawandel oder die Nachhaltigkeitstransformation des Energiesystems sind Beispiele. Wenn nicht-wissenschaftliche Praxisakteure involviert sind, wird gelegentlich von Transdisziplinarität gesprochen. Allgemein ist dieser Interdisziplinaritätstyp charakteristisch für die Nachhaltigkeitsforschung, die Friedensund Konfliktforschung, die Technikfolgenabschätzung und viele andere. Für all diese Typen gilt: Die Interdisziplinarität eines neuen Forschungsfelds heute – also eines Forschungsfeldes in der Genese – mündet nicht selten in einer neuen Disziplinarität morgen. Wissenschaftsfortschritt ist oft jeweils mit Interdisziplinarität verbunden. So tragen Disziplinarität und Interdisziplinarität stets einen historischen Index. Perspektiven Allgemein ist die Pluralität von Interdisziplinarität unumgehbar. Dies gilt auch deshalb, weil man nach disziplinärer Herkunft, nach Wissenschaftsverständnis und Forschungsinteresse den einen oder den anderen Typ von Interdisziplinarität bevorzugen wird – und andere Formen erscheinen dann als sekundäre Folge oder reine Konsequenz. Für die Genese von neuen Forschungsfeldern und insbesondere zur organisatorischen Gestaltung der Forschungspraxis ist es indes mehr als angezeigt, die Pluralität zu reflektieren und Differenzierungen vorzunehmen. Dieser Beitrag basiert auf dem an der Hochschule Darmstadt mit Partnern (Georgia Tech, U of North Texas, U Amsterdam, u.a.) durchgeführten Projekt „Philosophy of Interdisciplinarity“. Siehe auch: Schmidt, J. C.: Philosophy of Interdisciplinarity. Studies in Science, Society and Sustainability. Routledge, London/New York, 2022. (https://www.routledge.com; open access chapt. 1, 2, 8 & Interlude) »Es ist offenbar die Stunde, das Jahrzehnt, gar das Jahrhundert der Interdisziplinarität! Wer von Interdisziplinarität spricht, will etwas.« Foto: mauritius images/pitopia

Forschung & Lehre 12|23 908 FORSCHUNGSFELDER IM WANDEL Nachgefragt Einblicke in den Forschungsalltag Forschungsfeld Die Digital Humanities haben sich mittlerweile von einem Forschungsfeld zu einer eigenen Disziplin entwickelt. Ich selbst bin habilitierter Klassischer Archäologe und habe bereits in den 1990er Jahren archäologische Datenbanken programmiert. Aber erst in meiner Generation ist es möglich, computergestützte Objekterkennung und 4D-Visualisierung von Bildwerken sinnvoll einzusetzen, wie ich es beispielsweise für die Analyse griechischer Vasenbilder und Terrakotten, römischer Skulptur und virtueller Museen nutze. Allgemein gesprochen könnte man die Digital Humanities als Explorationsfeld für die Auswirkungen des digitalen Wandels auf den Umgang mit digitalen Wissensbeständen verstehen. Stichworte sind hier Aufbau, Erweiterung und Lücken in der digitalen Erfassung; Datenrepräsentation und Transparenz; Einheitlichkeit der Kategorienbildung; Vereinfachung und Kanonisierung; Heterogenität und Unbestimmtheit als Eigenheit der Conditio Humana; Autorität und Expertise als Forschungstreiber oder -behinderung; Konsequenzen von Fehlern und Irrtümern auf die Forschung; Erinnern und Vergessen als geisteswissenschaftliches Anliegen; Aufgabenteilung menschlich-maschineller Datenkuratierung und ihre Konsequenzen; Datengerechtigkeit, Zugangskontrolle und Macht und, zunehmend wichtig, auch Energieverbrauch und Klimaschutz. Motivation Die Digital Humanities verstehe ich als Brücke ins Digitale Zeitalter. Neben der digitalen Erschließung von historischen Texten und Objekten und den innovativen Forschungsmethoden und Fragestellungen sind hier auch der hohe Grad an interdisziplinärer Zusammenarbeit und die gemeinsame Entwicklung neuartiger Forschungsumgebungen und Lehrformate zu nennen. So werde ich zum Beispiel im kommenden Jahr das Lehrprojekt „Sehen lernen: Mensch und KI im Vergleich“ beginnen, das für zwei Jahre von der Stiftung Innovation in der Hochschullehre gefördert wird. Denn auch die Ausbildung von Forschenden liegt mir sehr am Herzen. Durch ihre weltweite Verfügbarkeit können DH-Methoden zudem ein breiteres Publikum ansprechen und so das öffentliche Bewusstsein und die Wertschätzung für geisteswissenschaftliche Forschung fördern, wofür etwa unsere VR-Anwendungen ein gutes Beispiel sind. Chancen und Herausforderungen Für die Digital Humanities, die ja die gesamte Breite der Geisteswissenschaften vertreten möchten, ist es nicht immer einfach, schon auf der Ebene der Begrifflichkeiten einen Überblick über die Diskurse in den einzelnen Fachdisziplinen zu gewinnen. Ebenso schwierig ist es, die aktuellen Entwicklungen in der Informatik im Auge zu behalten. Gerade im Bereich der Künstlichen Intelligenz haben auch im Bildbereich die Innovationen rasant zugenommen: Zum ersten Mal ist es möglich, nicht nur Personen und Objekte, sondern auch übergeordnete Konzepte in Bildern zu erkennen. Was möglich ist, ist jedoch nicht unbedingt wahrscheinlich. Und hier sind besonders die Digital Humanities gefordert, den Deep-Learning-Models Argumentationsstrukturen beizubringen, indem etwa Konzepte wie Ähnlichkeit oder Methoden der Hermeneutik in ihren Eigenheiten genauer bestimmt und formalisiert werden. Gleichzeitig muss aber auch der methodische und gesellschaftliche Umgang mit diesen Werkzeugen reflektiert und diskutiert werden. Eine sehr interessante und wirklich aufregende Aufgabe! Forschungsfeld Ausgehend von meiner Expertise in Technikphilosophie und Ökologie beschäftige ich mich mit der Beobachtung und Beschreibung der Genese und Transformation von Objekten und Prozessen in einer technisierten Umwelt. Die Objekte können im wissenschaftlichen Kontext entstanden sein und für die Alltagspraxis relevant werden, die Prozesse epistemischer, technischer oder sozioökologischer Art sein. Mit der technisierten Umwelt sind in meiner Forschung Beziehungsgefüge von Natur, Technik und Mensch gemeint. Solche Beziehungsgefüge bieten sich an als produktiver Denk- und Aktionsraum, in dem Fragen nach der Entstehung von Entitäten aus Beziehungen und von Beziehungen aus Entitäten verfolgt werden. Sind die Objekte einfach da und gehen Relationen ein Martin Langner ist Professor für Digitale Bildund Objektwissenschaft an der Georg-AugustUniversität Göttingen. Professorin Astrid Schwarz forscht an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg und fokussiert aus philosophischer Perspektive auf Natur-Mensch-TechnikRelationen. Foto: Institut für Digital Humanities/ Firmin-Forster

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